{"id":141,"date":"2024-05-15T17:51:27","date_gmt":"2024-05-15T17:51:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=141"},"modified":"2026-01-24T15:35:59","modified_gmt":"2026-01-24T15:35:59","slug":"arbeit-muss-sich-wieder-lohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/05\/15\/arbeit-muss-sich-wieder-lohnen\/","title":{"rendered":"&#8222;Arbeit muss sich wieder lohnen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Ludwig Erhard wird der Spruch \u201eWirtschaftspolitik ist zu 50 % Psychologie\u201c zugeschrieben. Die \u00fcbrigen 70 % sind vermutlich Rechenfehler und auch der psychologische Teil ist mitunter schlechte Psychologie, oder Ideologie.<\/p>\n\n\n\n<p>Im aktuellen Streit um das B\u00fcrgergeld und den Mindestlohn wird im <a href=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/05\/03\/wirtschaftswende-sozialpolitische-wende-wende-rueckwaerts\/\">Konzert der marktliberalen Klagen \u00fcber eine mangelnde Arbeitsmoral<\/a> auch wieder der bekannte Spruch \u201eArbeit muss sich wieder lohnen\u201c vorgebracht. Solche S\u00e4tze finden meist breite Zustimmung, sie scheinen einem grundlegenden Gerechtigkeitsgef\u00fchl entgegenzukommen. Man darf nur nicht weiter dar\u00fcber nachdenken, wie bei den immer passenden Spr\u00fcchen eines Horoskops.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Satz \u201eArbeit muss sich wieder lohnen\u201c hat nat\u00fcrlich zustimmungsf\u00e4hige Aspekte. Wer von seiner Arbeit leben muss, kann nicht gut damit einverstanden sein, wenn er davon eben nicht leben kann. Das spricht f\u00fcr einen Mindestlohn und dar\u00fcber hinaus f\u00fcr ausk\u00f6mmliche L\u00f6hne.<\/p>\n\n\n\n<p>Dahinter f\u00e4ngt aber gleich die schlechte Psychologie an, subliminal konnotiert. Da ist zum einen eine Theorie der Arbeitsmotivation, die andere als monet\u00e4re Elemente einfach ausblendet. Arbeitsmotivation entsteht aber nicht allein, wenn sich Arbeit lohnt, sondern wenn die Arbeitsbedingungen auch menschenw\u00fcrdig sind, wenn sie zu Selbstentfaltung und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung beitragen, also im positiven Sinne herausfordernd und anregend sind. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wie wichtig dieser Teil der Psychologie ist, kann man durch eine kleine Paraphrasierung des Satzes sehen: \u201eDas Ehrenamt muss sich wieder lohnen\u201c \u2013 ein absurder Satz, wenn das \u201esich lohnen\u201c monet\u00e4r gedacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen wird versucht, mit dem Satz f\u00fcr klassische marktliberale Ziele zu werben: Sozialleistungen sollen nicht zu hoch sein, damit im Niedriglohnsektor, in dem viele Jobs jenseits des Geldes wirklich nicht allzu viel zu bieten haben, die Nachfrage nicht ausbleibt, und die Steuern der Mittelschicht sollen als ungerechtfertigter Zugriff des Staates auf das wohlverdiente Geld der B\u00fcrger in Szene gesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die Reallohnentwicklung der letzten Jahre, k\u00f6nnte man den Satz \u201eArbeit muss sich wieder lohnen\u201c auch ganz anders verstehen. <a href=\"https:\/\/www.wsi.de\/de\/pressemitteilungen-15991-realloehne-brechen-europaweit-ein-50575.htm\">W\u00e4hrend die Kapitaleinkommen auch in den Krisenjahren deutlich zugelegt haben, war das bei den L\u00f6hnen nicht so<\/a>. 2023 ist den <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Arbeit\/Verdienste\/Realloehne-Nettoverdienste\/Tabellen\/liste-reallohnentwicklung.html\">Daten des Statistischen Bundesamtes<\/a> zufolge zum ersten Mal seit 2019 wieder ein kleiner Reallohnzuwachs zu verzeichnen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"752\" height=\"452\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/05\/Reallohnindex.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-142\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/05\/Reallohnindex.png 752w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/05\/Reallohnindex-300x180.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 752px) 100vw, 752px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Arbeit muss sich also in der Tat wieder mehr lohnen. Dem w\u00e4re so, wenn die Lohnzuw\u00e4chse wieder deutlicher \u00fcber der Inflationsrate liegen w\u00fcrden. Dann k\u00f6nnen sich die Menschen auch wieder mehr leisten, z.B. hochwertigere Nahrungsmittel, die Kosten f\u00fcr einen Kitaplatz, eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung, in der die Kinder eigene Zimmer haben, sie k\u00f6nnten sich um eine private Altersvorsorge k\u00fcmmern, oder um die Kosten f\u00fcr die Altenpflege, vielleicht k\u00f6nnten sie sogar f\u00fcr Wohneigentum sparen. Daf\u00fcr w\u00fcrde es sich sicher lohnen, zu arbeiten, <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/de\/boeckler-impuls-wieviel-die-reichen-sparen-9353.htm\">aber das k\u00f6nnen viele nicht<\/a>. Die <a href=\"https:\/\/www.sparkasse.de\/pk\/ratgeber\/finanzplanung\/finanzen-und-haushalt\/50-30-20-regel.html\">50-30-20-Regel<\/a>, nach der man 20 % seines Einkommens sparen soll, rechnet sich f\u00fcr die unteren Einkommensschichten nur allzu oft 50 minus 30 minus 20 gleich Null. Da hilft alle Psychologie nicht weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Erhard wird der Spruch \u201eWirtschaftspolitik ist zu 50 % Psychologie\u201c zugeschrieben. 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