{"id":150,"date":"2024-08-14T17:21:01","date_gmt":"2024-08-14T17:21:01","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=150"},"modified":"2024-08-19T12:03:24","modified_gmt":"2024-08-19T12:03:24","slug":"mehr-arbeiten-sonst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/08\/14\/mehr-arbeiten-sonst\/","title":{"rendered":"Mehr arbeiten, sonst \u2026"},"content":{"rendered":"\n<p>Der sozialpolitische Wind weht in Deutschland wieder k\u00e4lter. Das Werben um die knappen Besch\u00e4ftigten mit attraktiven Arbeitsbedingungen wird zunehmend durch andere Stimmen abgel\u00f6st, <a href=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/05\/03\/wirtschaftswende-sozialpolitische-wende-wende-rueckwaerts\/\">die meinen<\/a>, es m\u00fcsse wieder mehr gearbeitet werden. Manchmal werden dazu <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Arbeit\/Arbeitsmarkt\/Qualitaet-Arbeit\/Dimension-3\/woechentliche-arbeitszeitl.html\">Daten des Statistischen Bundesamtes<\/a> zitiert, wonach 2023 in Deutschland 34,4 Wochenarbeitsstunden geleistet wurden, in der EU27 dagegen 36,9. Der Untergang des Abendlandes in den Grenzen des deutschen Freizeitparks, von wirtschaftsnahen Stimmen gef\u00fchlt und statistisch belegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass das Statistische Bundesamt ausdr\u00fccklich darauf hinweist, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ma\u00dfgeblich durch die Teilzeitquote mitbestimmt wird und die Wochenarbeitszeit der Vollzeitbesch\u00e4ftigten seit 30 Jahren recht unver\u00e4ndert ist, f\u00e4llt dann schnell unter den Tisch. Ebenso, dass die <a href=\"https:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/tabIV46.pdf\">Gesamtzahl der Arbeitsstunden<\/a> in Deutschland 2023 mit fast 62 Millionen Stunden sogar etwas h\u00f6her lag als vor 30 Jahren mit gut 60 Millionen Stunden. Die Arbeitsproduktivit\u00e4t ist in dieser Zeit auch gestiegen. Das Jahr 2015 als statistische Basis genommen, ist der <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Themen\/Wirtschaft\/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt\/Publikationen\/Downloads-Inlandsprodukt\/inlandsprodukt-erste-ergebnisse-pdf-2180110.pdf?__blob=publicationFile\">Index der Arbeitsproduktivit\u00e4t<\/a> je Erwerbst\u00e4tigem von 95,14 im Jahr 2005 auf 101,30 im Jahr 2023 gestiegen. Aber auch hier gibt es Alarmrufe, 2022 lag der Index n\u00e4mlich bei 102,23 \u2013 ein Allzeithoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die h\u00f6chste Wochenarbeitszeit unter den vom Statistischen Bundesamt gelisteten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern hatte \u00fcbrigens Serbien mit 42,5 Stunden, die niedrigste die Niederlande mit 31,3 Stunden. Ob die Niederlande damit gegen\u00fcber Serbien noch wettbewerbsf\u00e4hig sind?<\/p>\n\n\n\n<p>In der S\u00fcddeutschen Zeitung war am 14. August ein <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/munich-re-wenning-feiertage-abschaffen-arbeit-international-lux.DvKH5JCtCcus5EaW5Houcn?reduced=true\">Interview mit dem Chef der Munich-Re<\/a>, dem weltgr\u00f6\u00dften R\u00fcckversicherer. Joachim Wenning hat sich dort vehement daf\u00fcr ausgesprochen, mehr zu arbeiten. Man m\u00fcsse \u201eArbeits- und Leistungsanreize\u201c st\u00e4rken. Und wie geschieht das? Nach Wenning z.B. durch l\u00e4ngere Arbeitszeiten, weniger Feiertage und einen sp\u00e4teren Renteneintritt. Au\u00dferdem solle der K\u00fcndigungsschutz f\u00fcr \u00c4ltere gelockert werden:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDe facto zwingt er Unternehmen, Mitarbeiter weiterzubesch\u00e4ftigen, mit denen es nicht weiterarbeiten m\u00f6chte. Wie absurd ist das?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00e4lteren Besch\u00e4ftigten sollen also zur Not eine geringer entlohnte Arbeit oder Arbeitslosigkeit akzeptieren, und zugleich sp\u00e4ter in Rente gehen. Damit lassen sich vielleicht Sozialausgaben zu Lasten der Besch\u00e4ftigten senken, aber solche \u201eAnreize\u201c sind doch etwas einseitig an den Interessen der Unternehmen orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch hier L\u00e4nder, die es aus Sicht der Unternehmen besser machen. Wenning verweist auf die Schweiz, die keinen K\u00fcndigungsschutz f\u00fcr \u00c4ltere kenne. Immerhin hat er nicht L\u00e4nder wie den Sudan oder den Kongo angef\u00fchrt, dort besteht gewiss noch mehr unternehmerische Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Wenning nennt noch einen anderen Grund, warum wir mehr arbeiten m\u00fcssen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eWeil uns die Demografie ansonsten noch mehr Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Lebensstandard kostet. In der Vergangenheit haben wir uns Minderarbeit durch \u00fcberlegene Technologie und h\u00f6here Produktivit\u00e4t verdient. Die Schl\u00fcsseltechnologie von heute ist die Datentechnologie. In dieser sind Deutschland und Europa den USA und China weit unterlegen. Deshalb m\u00fcssen wir wieder mehr arbeiten und leisten. Sonst gehen die Produktionsst\u00e4tten ins Ausland.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung besteht also nicht darin, Unternehmen mit zukunftsf\u00e4higen Schl\u00fcsseltechnologien zu st\u00e4rken, die nach Einsch\u00e4tzung vieler \u00d6konomen insgesamt <a href=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/04\/15\/christian-lindners-investitionspolitischer-pessimismus\/\">zu knappen \u00f6ffentlichen und privaten Investitionen<\/a> in Deutschland zu steigern, sondern die Sozialstandards zu senken? Und indem man Sozialstandards senkt, bleibt der Lebensstandard erhalten? Wessen Lebensstandard genau? Die Logik wird hier etwas holprig.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem mangelt es Deutschland bisher nicht wirklich an Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Deutschland hat viele Jahre durch niedrige L\u00f6hne und damit Verzicht auf Binnennachfrage, billige russische Energie und die Erschlie\u00dfung des chinesischen Marktes hohe Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse erzielt und andere L\u00e4nder unter erheblichen Wettbewerbsdruck gesetzt. Dieses Modell ist in der Krise, aber ob Deutschland nun nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig ist? Dem <a href=\"https:\/\/publikationen.bundesbank.de\/publikationen-de\/berichte-studien\/monatsberichte\/monatsbericht-maerz-2024-926690?article=die-deutsche-zahlungsbilanz-fuer-das-jahr-2023-926694\">Monatsbericht M\u00e4rz 2024<\/a> der Deutschen Bundesbank zufolge ist der deutsche Leistungsbilanz-\u00dcberschuss 2023 deutlich gestiegen, um 78,5 Mrd. Euro auf 243 Mrd. Euro. Der Anstieg bewegt sich in der Gr\u00f6\u00dfenordnung des Bruttoinlandsprodukts Th\u00fcringens.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit hatte jedoch <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/iwd-studie-deutschland-rutscht-im-laendervergleich-der-wettbewerbsfaehigsten-nationen-ab-a-8bf1cd36-e5e9-4c73-8f6b-3341d8626859\">eine Meldung erfahren<\/a>, Deutschlands Wettbewerbsf\u00e4higkeit habe sich dem Ranking einer Schweizer Hochschule zufolge gegen\u00fcber dem Vorjahr um zwei Rangpl\u00e4tze verschlechtert. Es l\u00e4ge jetzt nur noch auf Platz 24, vor 10 Jahren sei es Platz 6 gewesen. Kassandra l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, aber schon die mittelalterlichen Scholastiker wussten, dass es auf der Spitze einer Nadel eng zugeht und die Frage, wie viele Engel dort Platz haben, nicht einfach zu beantworten ist. Wenn alle L\u00e4nder nach den ersten R\u00e4ngen streben, spiegelt das zwar Wettbewerbsgeist wider, aber es k\u00f6nnen einfach nicht alle ganz vorne sein. Die Logik gestattet es nicht. Warum ist eigentlich Platz 24 nicht ausreichend?<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht, dass die Wettbewerbsf\u00e4higkeit keine Rolle spielen w\u00fcrde oder Trends der Wettbewerbsf\u00e4higkeit irrelevant w\u00e4ren, das w\u00e4re sicher falsch, aber vielleicht braucht man als gesellschaftliche Zielvorstellung doch etwas mehr als einen vorderen Rangplatz im Ranking einer Schweizer Hochschule. Nachhaltigkeit, Lebensqualit\u00e4t, Familienzeit, gute Schulen, bezahlbarer Wohnraum und solche Dinge geh\u00f6ren dazu. Daf\u00fcr lohnt es sich dann auch, mehr zu arbeiten, falls es n\u00f6tig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>_______________<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Edit <\/strong>18.8.2024: Im dritten Absatz falscher Bezug auf E27 korrigiert. JK<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em>Makroskop hat den Beitrag netterweise wieder \u00fcbernommen: https:\/\/makroskop.eu\/26-2024\/mehr-arbeiten-sonst\/<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der sozialpolitische Wind weht in Deutschland wieder k\u00e4lter. 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