{"id":201,"date":"2025-04-04T13:21:38","date_gmt":"2025-04-04T13:21:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=201"},"modified":"2025-04-10T20:34:22","modified_gmt":"2025-04-10T20:34:22","slug":"digitaler-kapitalismus-im-gesundheitswesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2025\/04\/04\/digitaler-kapitalismus-im-gesundheitswesen\/","title":{"rendered":"Digitaler Kapitalismus im Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"\n<p>2019 ist das <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/philipp-staab-digitaler-kapitalismus-t-9783518075159\">Buch \u201eDigitaler Kapitalismus\u201c<\/a> von Philipp Staab erschienen. Er beschreibt darin einen grundlegenden Wandel vom Neoliberalismus mit seiner Orientierung an Wettbewerb und freien M\u00e4rkten hin zu einem System, bei dem die M\u00e4rkte selbst zum Eigentum von Unternehmen werden. Die digitalen Plattformen kontrollieren den Zugang zu Produkten und Dienstleistungen, sie machen aus dem Marktzugang selbst ein knappes Gut. Sie binden die Kunden an ihre Plattformen und machen den Umstieg technisch aufw\u00e4ndig und wirtschaftlich teuer. Alternativen beispielsweise zu Microsoft sind oft nicht mehr praktikabel umsetzbar. Aus diesem Arrangement mit Infrastruktur und Zugangsmacht, nicht aus dem Besitz der eigentlichen Produktionsmittel f\u00fcr Kaffeemaschinen, Kleider oder Lebensmittel, ziehen sie den Gewinn (Nachtwey\/Staab, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5771\/9783845295008-285\">Das Produktionsmodell des digitalen Kapitalismus<\/a>, Soziale Welt, Sonderband 23 (2020), 285 \u2013 304, S. 295):<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEin wesentliches Merkmal der Plattform\u00f6konomie ist (\u2026), dass die Gewinnerzielung vornehmlich auf Nutzungsgeb\u00fchren von M\u00e4rkten und der auf ihnen angebotenen G\u00fcter und Dienstleistungen sowie der Kommodifizierung pers\u00f6nlicher Daten basiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(\u2026)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Plattform \u00fcbernimmt also einerseits die Rolle des H\u00e4ndlers, der freilich nur begrenzt G\u00fcter lagern oder materiell distribuieren muss und dennoch der eigentliche Profiteur der Marktorganisation ist. Andererseits basieren die beschriebenen Prozesse eben gleichzeitig auf einer hochgradig propriet\u00e4ren Infrastruktur in Form des Cloud-Computing, wo wiederum die Leitunternehmen des kommerziellen Internets die entscheidenden Anbieter sind (insbesondere Amazon, Microsoft und Google).\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Kontrolle von M\u00e4rkten durch eine propriet\u00e4re Infrastruktur Einkommen generieren kann, ist dabei nichts grunds\u00e4tzlich Neues. Auch der Viktualienmarkt in M\u00fcnchen beispielsweise funktioniert mit streng geregelten Zug\u00e4ngen und Handelsauflagen \u2013 gesetzt in diesem Fall durch eine Markt-Satzung seitens der Stadt als \u201eMarkteigent\u00fcmerin\u201c. In gewisser Weise kann man solche M\u00e4rkte als analoge Modelle des Digitalen Kapitalismus betrachten. Die Differenz von Gr\u00f6\u00dfe und Macht ist allerdings kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gesundheitswesen erleben wir seit einigen Jahren, befl\u00fcgelt auch durch die Coronakrise, in der Digitalisierung eine gro\u00dfe Dynamik, nachdem vorher jahrzehntelang nicht einmal eine elektronische Gesundheitskarte auf den Weg gebracht werden konnte und sp\u00e4ter die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2018\/05\/05\/zu-besuch-in-der-zukunft-die-telematik-infrastuktur-im-gesundheitswesen\/\">Telematik-Infrastruktur nur im Schneckengang<\/a> vorankam.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt geht alles Schlag auf Schlag, wenn auch \u00fcber viele Schlagl\u00f6cher. Jens Spahn und Karl Lauterbach haben dabei nie ein Geheimnis daraus gemacht, warum sie das Gesundheitswesen m\u00f6glichst umfassend digitalisieren wollen. Karl Lauterbach hat das Gesundheitsdatennutzungsgesetz ganz ausdr\u00fccklich auch als Instrument der Wirtschaftsf\u00f6rderung, vor allem der Pharmaindustrie, angepriesen, <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/news\/lauterbach-will-pharmaindustrie-durch-bessere-gesundheitsdaten-in-deutschland-halten-65f04204-d8ff-4ea5-9be6-6d27e688caf3\">nachlesbar im Deutschen \u00c4rzteblatt<\/a>. Der Industrie sollen die Gesundheitsdaten als Rohstoff zur Generierung von neuen Arzneimitteln und Medizinprodukten und anderen Angeboten m\u00f6glichst einfach verf\u00fcgbar gemacht werden. Es hei\u00dft, dass am Ende davon nat\u00fcrlich die Patient:innen profitieren, eine in die Digitaliserung \u00fcbertragene Variante der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trickle-down-%C3%96konomie\">Trickle-Down-Theorie<\/a>. Deshalb m\u00fcssten Bedenken zu Datenschutz und Datensicherheit zur\u00fcckstehen. Jens Spahn hatte die Priorit\u00e4ten mit dem Satz \u201e<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/spahn-liegt-beim-thema-datenschutz-weit-daneben-QPGQTIZTGBHGTH2DESP7Z5FNZE.html\">Datenschutz ist nur etwas f\u00fcr Gesunde<\/a>\u201c auf den polemisch k\u00fcrzesten Nenner gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Um nicht missverstanden zu werden: Nat\u00fcrlich sollten Gesundheitsdaten im Interesse der Patient:innen besser als bisher genutzt werden, und nat\u00fcrlich sind dazu gute technische Tools n\u00f6tig. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die Gesundheitsdaten z.B. der amtlichen Statistik, die bereits gut aufbereitet verf\u00fcgbar sind, aber in der Politik wenig beachtet werden. Ohne gute Daten keine gute Forschung, keine gute Pr\u00e4vention und keine gute Versorgung. Der vielzitierte Spruch, Daten seien das Gold des 21. Jahrhunderts, gilt auch im Gesundheitswesen. Aber bekanntlich waren auch in der Vergangenheit nie die Wasserh\u00e4hne des kleinen Mannes (oder der kleinen Frau) aus Gold, das war den Reichen, den wirklich Reichen vorbehalten. Heute haben sie <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2022\/11\/27\/superyachten\/\">Superyachten<\/a> mit goldenem Inventar.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Lauterbach schafft das Gesundheitsdatennutzungsgesetz zusammen mit der elektronischen Patientenakte den gr\u00f6\u00dften Gesundheitsdatenpool der Welt. Daten zu ambulanten Behandlungen, zu Krankenhausbehandlungen, R\u00f6ntgenbilder usw. \u2013 alles elektronisch verf\u00fcgbar. Auf europ\u00e4ischer Ebene soll der <a href=\"https:\/\/health.ec.europa.eu\/ehealth-digital-health-and-care\/european-health-data-space-regulation-ehds_de\">European Health Data Space (EHDS)<\/a> den Rahmen f\u00fcr den Zugang zu den Gesundheitsdaten f\u00fcr die ganze EU setzen. Die Daten sollen \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 den Patient:innen alles leichter machen, aber sie sollen auch f\u00fcr die Forschung zug\u00e4nglich sein, und wer am Wort \u201eForschung\u201c an der richtigen Stelle kratzt, wird sehen, dass sich darunter nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europ\u00e4ischer Ebene die Industrie verbirgt. Die Frage, wem die Gesundheitsdaten nutzen, wer die Kontrolle \u00fcber diese Daten hat, wer den Zugang, und wer die technischen Tools besitzt, <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s00103-024-04003-3\">ist nur zu berechtigt<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der fortschreitenden Digitalisierung des Gesundheitswesens wird m\u00f6glicherweise zugleich der Boden f\u00fcr das Funktionieren des Digitalen Kapitalismus auch im Gesundheitsbereich bereitet. Ende 2024, die zweite Pr\u00e4sidentschaft Trumps ante portas, <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Lauterbach-zu-Gesundheitsdaten-Google-Meta-und-OpenAI-melden-Interesse-an-10179936.html\">sagte Lauterbach bei der Digital Health Conference<\/a> des Bitcom:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDaher interessieren sich auch die Hersteller aller gro\u00dfen KI-Systeme f\u00fcr diesen Datensatz. Wir sind im Gespr\u00e4ch mit Meta, mit OpenAI, mit Google, alle sind daran interessiert, ihre Sprachmodelle f\u00fcr diesen Datensatz zu nutzen, beziehungsweise an diesem Datensatz zu arbeiten.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meta und Google sind bisher nicht als Arzneimittelhersteller in Erscheinung getreten. Sie sind vielmehr S\u00e4ulen des digitalen Kapitalismus. Man muss keiner Verschw\u00f6rungstheorie anh\u00e4ngen, um zu vermuten, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/kuenstliche-intelligenz-europa-usa-china-regulierung-google-microsoft-lux.PNrjbShpLfZj24GuFUZzXk\">dass die digitale Aneignung der Gesundheitsm\u00e4rkte auf ihrer Agenda steht<\/a>. Auch wenn die Daten des EDHS angeblich nicht in ihre Clouds flie\u00dfen, werden sie daran arbeiten, den Zugang zu diesen Daten und den damit verbundenen Leistungen im Gesundheitswesen technisch zu kontrollieren. Es lohnt sich. Allein in Deutschland betrugen 2022 die Gesundheitsausgaben knapp 500 Mrd. Euro. Das Gesundheitswesen ist aufgrund der Besonderheiten von Nachfrage, Angebot und Finanzierungswegen vermutlich nicht ohne Weiteres von den Tech-Konzernen nach dem Muster des Digitalen Kapitalismus zu \u00fcbernehmen, zumal nicht in Europa mit seinen staatlichen und parafiskalischen Akteuren, aber wom\u00f6glich gelingt ihnen die Kontrolle von Teilbereichen, bei denen Angebot und Nachfrage den normalen M\u00e4rkten \u00e4hnlicher sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es mag eine Dystopie bleiben, dass die Tech-Konzerne in einigen Jahren nicht nur personalisierte Gesundheitstipps liefern, sondern auch die Arzttermine verwalten, den Krankenh\u00e4usern Lieferanten vermitteln und der Politik eine KI-optimierte Gesundheitspolitik andienen, aber nur, wenn es gemeinwohlverpflichtete Instanzen gibt, die mit Fachkompetenz und Durchsetzungsmacht die weitere Entwicklung begleiten. Der Kapitalismus als \u201eAllesfresser\u201c (Nancy Fraser) musste immer eingehegt werden, durch Arbeitsschutzregeln, Umweltschutzregeln, Mitbestimmungsrechte. Das wird im digitalen Kapitalismus nicht anders sein, er braucht ebenfalls Regulation, auch wenn die Trump-Administration mit Musk &amp; Co. auf dem R\u00fccksitz <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1188654.digital-services-act-kampf-um-die-algorithmen.html\">genau das nicht will<\/a>, weil es die Macht der amerikanischen Digitalkonzerne beschneiden w\u00fcrde. Diese Macht ist, wie man gerade in den USA sehen kann, unmittelbar politische und demokratiegef\u00e4hrdende Macht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em>Edit: Zeitpunkt der Bitcom-Konferenz korrigiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2019 ist das Buch \u201eDigitaler Kapitalismus\u201c von Philipp Staab erschienen. 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