{"id":263,"date":"2026-03-16T13:55:39","date_gmt":"2026-03-16T13:55:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=263"},"modified":"2026-03-16T13:55:39","modified_gmt":"2026-03-16T13:55:39","slug":"menschenbilder-in-der-oekonomie-nach-dem-weltbuerger-der-nationalcharakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2026\/03\/16\/menschenbilder-in-der-oekonomie-nach-dem-weltbuerger-der-nationalcharakter\/","title":{"rendered":"Menschenbilder in der \u00d6konomie: Nach dem Weltb\u00fcrger der Nationalcharakter?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der homo oeconomicus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00d6konomische Theorien machen immer auch anthropologische Aussagen, selbst wenn sie es nicht explizit tun. In der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neoklassische_Theorie\">Neoklassik<\/a>, die in der Volkswirtschaftslehre bis in die Zeit des globalisierten Neoliberalismus grundlegend war, war in die Mechanik der M\u00e4rkte, die alles regeln, wenn man sie nur l\u00e4sst, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Homo_oeconomicus\">\u201ehomo oeconomicus\u201c<\/a> integriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der homo oeconomicus ist ein Mensch, aber ein motivational recht einfacher Mensch, der alles unter dem Aspekt betrachtet, ob es ihm individuell n\u00fctzt. Manche haben gesagt, dieses Menschenbild diene nur als fiktive Modellvorstellung, man beanspruche selbstverst\u00e4ndlich nicht, damit eine Psychologie des Menschen zu beschreiben. Die darauf aufbauenden \u00f6konomischen Theorien hat der Philosoph Hans Albert, die 2023 verstorbene st\u00e4ndige Vertretung Karl Poppers in Deutschland, vor vielen Jahren einmal folgerichtig als \u201eModellplatonismus\u201c bezeichnet. Der Begriff war kritisch gemeint, als Abschottung der Theorie gegen empirische Pr\u00fcfbarkeit. Was dem Konzept nach nur als gedankliche Abstraktion gelten soll, kann nicht an der Realit\u00e4t scheitern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr Empirie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter hat allerdings die Verhaltens\u00f6konomie in manchen ihrer Spielarten, z.B. in der Gedankenwelt des Wirtschafts-Nobelpreistr\u00e4gers <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gary_Becker\">Gary Becker<\/a>, den homo oeconomicus doch naturalisiert, mehr noch, sie hat versucht, damit alles menschliche Handeln zu erkl\u00e4ren, auch jenseits des Kaufens und Verkaufens von G\u00fctern und Dienstleistungen. \u00d6konomischer Imperialismus, hat man das genannt. Ist der Mensch nicht tats\u00e4chlich, nicht nur als Modellvorstellung, auf seinen Vorteil bedacht? Immer und \u00fcberall? Warum sollte dann die Partnerwahl anders funktionieren als der Kauf einer Handtasche, oder die Entscheidung, f\u00fcr eine bestimmte politische Partei zu stimmen, anders als die, in welche Aktien man investiert? Der Spruch, in einer durchkommerzialisierten Welt habe alles einen Preis, aber keinen Wert, hier passt er. \u201eLiebling, willst du mich heiraten, es w\u00e4re f\u00fcr mich steuerlich vorteilhaft\u201c \u2013 der Tod jeder Romanze. Die Folgen solcher Theorien f\u00fcr das allt\u00e4gliche Miteinander hatte Julia Nida-R\u00fcmelin vor einigen Jahren ausf\u00fchrlich in seinem Buch <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Optimierungsfalle-Philosophie-humanen-%C3%96konomie\/dp\/3424150789\">\u201eDie Optimierungsfalle\u201c<\/a> beschrieben. Sein Fazit: \u201eDer \u00f6konomische Mensch ist nicht freundschaftsf\u00e4hig\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Verhaltens\u00f6konomen, nicht nur \u00f6konomische Imperialisten wie Gary Becker, sondern z.B. auch Leute wie Daniel Kahneman, ebenfalls Nobelpreistr\u00e4ger, sind allerdings keine Modellplatoniker. Sie sind empirisch orientiert und haben ihre Thesen experimentell teilweise auf beeindruckende Weise best\u00e4tigen k\u00f6nnen. Kahnemans Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber Entscheidungsheuristiken haben zudem, anders als die mathematisch oft hochformalisierten und dadurch vielen Menschen unzug\u00e4nglichen Konzepten der Neoklassik, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schnelles_Denken,_langsames_Denken\">Bestseller-Status<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rationale Dummk\u00f6pfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schlechte Psychologie blieb die Verhaltens\u00f6konomie trotzdem. Bei Klaus Holzkamp, 1995 verstorben, in den 1960er Jahren im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Positivismusstreit\">\u201ePositivismusstreit in der deutschen Soziologie\u201c<\/a> Gegner von Popper und Albert, kann man in der <a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/grundlegung_der_psychologie-18.html\">\u201eGrundlegung der Psychologie\u201c<\/a> nachlesen, warum diese Art empirischer Best\u00e4tigung fragw\u00fcrdig ist, warum sie kategoriale Bestimmungen menschlicher Psyche, wie sie sich aus der Phylogenese ergeben, ignoriert und warum sie sich h\u00e4ufig in \u201etypischen Begr\u00fcndungsmustern\u201c ersch\u00f6pft, also kontingente Zusammenh\u00e4nge widerspiegelt statt kausaler Gesetzeszusammenh\u00e4nge. In der Psychologie muss man aufpassen, welche Art von Empirie welche Aussagen \u00fcber das menschliche Handeln erm\u00f6glicht. Die \u201eBegr\u00fcndungsebene\u201c ist ein Abgrund f\u00fcr alle zu deterministisch angelegten Erkl\u00e4rungsversuche des Handelns. Daher verlangt das Experiment in der Psychologie meist: <a href=\"https:\/\/www.zvab.com\/9783541095513\/gute-Versuchsperson-denkt-nicht-Artefakte-3541095512\/plp\">\u201eDie gute Versuchsperson denkt nicht\u201c<\/a>. Wenn sich Menschen, zumindest potentiell, bewusst zur Welt verhalten k\u00f6nnen und sich mit sich selbst und mit anderen im Modus von \u201eGr\u00fcnden\u201c verst\u00e4ndigen, werden Vorhersagen dar\u00fcber, was sie tun werden, zur Hellseherei. Auch wenn diese Vorhersagen oft gut funktionieren und mit vielen Daten und k\u00fcnstlicher Intelligenz k\u00fcnftig noch besser funktionieren. Es kommt anders, wenn man denkt, steht auf Postkarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der homo oeconomicus repr\u00e4sentiert in der Volkswirtschaftslehre, soweit sie dem methodischen Individualismus folgt, immerhin ein Subjekt, das entscheidet. Wenn auch unter Umst\u00e4nden als <a href=\"https:\/\/www.reclam.de\/produktdetail\/rationale-dummkoepfe-eine-kritik-der-verhaltensgrundlagen-der-oekonomischen-theorie-9783150140642\">\u201erationaler Dummkopf\u201c<\/a>, wie es Amartya Sen, noch ein Nobelpreistr\u00e4ger, b\u00f6se ausgedr\u00fcckt hat. Einen anderen Blickwinkel nimmt beispielsweise die Produktionstheorie ein, da verschwindet das Subjekt im \u201eProduktionsfaktor Arbeit\u201c. Ebenso wird der Mensch in der Betriebswirtschaftslehre zun\u00e4chst entsubjektiviert betrachtet, als \u201eHumankapital\u201c, \u00fcber das verf\u00fcgt wird. Damit dieses \u201eHumankapital\u201c im Unternehmenssinne funktioniert, muss es aber doch als Subjekt angesprochen, motiviert werden. Dazu braucht man explizite psychologische Theorien und man hat dazu ein ganzes Fach in Dienst genommen, die Arbeits- und Organisationspsychologie. Sie kann mit einer beachtlichen Vielfalt an Menschenbildern aufwarten, von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/X-Y-Theorie\">X bis Y<\/a>, von Faulen \u00fcber Pflichtbewusste bis hin zu solchen, die sich in der Arbeit selbstverwirklichen. Den \u201erationalen Dummkopf\u201c findet man dort eher selten. Ob die Psychologie der Betriebswirtschaftslehre n\u00e4her steht als der Volkswirtschaftslehre?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nat\u00fcrliche Unterschiede<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Sachen Menschenbild interessant sind aktuelle Entwicklungen auf der wirtschafts- und sozialpolitischen Metaebene. Quinn Slobodian, der sich eingehend mit dem Neoliberalismus befasst hat, mit einem dicken <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/quinn-slobodian-globalisten-t-9783518429037\">Buch \u201eGlobalisten\u201c<\/a> als Output, sieht derzeit mit <a href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/hardcover\/9781890951917\/hayeks-bastards\">\u201eHayek\u2018s Bastards\u201c<\/a>, der Brutalisierung \u00f6konomischer Vorteilsnahme, eine Wiederkehr alter Richtungen der Psychologie einhergehen: der Behauptung, dass unterschiedliche angeborene F\u00e4higkeiten den sp\u00e4teren wirtschaftlichen Erfolg der Menschen und somit ihre soziale Lage erkl\u00e4ren. Solche Ansichten, den Status Quo von Einkommen und Verm\u00f6gen zu rechtfertigen, hatten in konservativen Kreisen schon immer viel Sympathien, und haben sie bis heute in der nationalistischen Rechten. Da wird dann auch Empirie bem\u00fcht: Zeigen nicht Untersuchungen z.B. zur menschlichen Intelligenz in der Tradition von Murray\/Herrnstein, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_Bell_Curve\">\u201eBell-Curve\u201c<\/a>, dass es bei der Intelligenz angeborene Gruppenunterschiede gibt? Und wer von uns w\u00fcsste nicht aus seiner allt\u00e4glichen Erfahrung, dass es Menschen mit ersichtlich eingeschr\u00e4nkten intellektuellen oder sozialen F\u00e4higkeiten gibt. Kinder mit FASD beispielsweise, einer alkoholbedingten Sch\u00e4digung w\u00e4hrend der Schwangerschaft, haben es doch im ganzen Leben schwer. Diese Sicht der Dinge ist so einfach und plausibel wie falsch. Falsch, weil Herrnstein von Anfang an mit datendressierten Konstruktionen gearbeitet hat, wie Stephen Jay Gould in <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/stephen-jay-gould-der-falsch-vermessene-mensch-t-9783518281833\">\u201eDer falsch vermessene Mensch\u201c<\/a> schon Anfang der 1980er gezeigt hat, <a href=\"https:\/\/www.kritische-psychologie.de\/2007\/the-bell-curve-inequality-by-design\">die Kritikpunkte sind seitdem nicht weniger geworden<\/a>. Falsch auch, weil selbst angeborene \u201eSchw\u00e4chen\u201c, von bestimmten Behinderungen abgesehen, f\u00fcr das sp\u00e4tere Leben nicht notwendigerweise Schicksalscharakter haben m\u00fcssen. Kurzsichtige Menschen k\u00f6nnen mit einer Brille normal sehen. Fr\u00fchf\u00f6rderung und ein gutes Bildungssystem k\u00f6nnen vieles ausgleichen. Das m\u00f6chten sich die Musks &amp; Thiels und ihresgleichen, die sich von jeder Mitverantwortung f\u00fcr die Gesellschaft losgesagt haben, allerdings sparen. Lieber nur die f\u00f6rdern, die schon viel von zuhause mitbringen, bei den anderen ist eh Hopfen und Malz verloren. Die Wissenschaft hat festgestellt, Geld gesellt sich gern zu Geld, weil Coca Cola Schnaps enth\u00e4lt, oder so \u00e4hnlich. Eine Risikofaktorenforschung, die nur danach schaut, wie sich anf\u00e4ngliche Unterschiede noch Jahre sp\u00e4ter auswirken, statt auch danach, wie solche Unterschiede kompensiert werden k\u00f6nnen, individuell und gesellschaftlich, wirkt wom\u00f6glich unfreiwillig an der neuen Schicksalhaftigkeit mit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geo\u00f6konomie und Anthropologie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der homo oeconomicus kennt kein Vaterland, keine Religion, keine Hautfarbe, keine Klasse, kein Geschlecht. Er ist Weltb\u00fcrger, Globalist, passend zur neoliberalen Ordnung. Den Zerfall dieser Ordnung, oder ihre Zertr\u00fcmmerung, durch Trump und die Tech-Milliard\u00e4re, durch Putin, Xi, Modi und andere autorit\u00e4re F\u00fchrer, konstatiert nicht nur Quinn Slobodian. Viele schreiben derzeit dar\u00fcber. Das Ende der \u201eregelbasierten Weltordnung\u201c k\u00f6nnen inzwischen sogar AfD-Leute fl\u00fcssig aussprechen. Eine neue Ordnung, die <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/milan-babic-geooekonomie-t-9783518128336\">\u201eGeo\u00f6konomie\u201c<\/a>, sieht Milan Babi\u0107 auf uns zukommen. Die Globalisierung mit weltweitem Wettbewerb \u201eohne Ansehen der Person\u201c macht hegemonial beherrschten Einflusszonen mit protektionistischen Strategien Platz. Sicherheit kommt zum Profit. Es geht um ein neues Amalgam aus Staat und Unternehmertum, um Dominanz, St\u00e4rke, Eigennutz, letzteres aber neu gef\u00fcllt. Statt \u201eJeder gegen Jeden\u201c hei\u00dft das Spiel hei\u00dft jetzt \u201eWir gegen Die\u201c. Dazu braucht es Identit\u00e4ts- und Differenzierungsmerkmale. Im \u00f6ffentlichen Raum treten widerspiegelnd dazu Austausch und Verst\u00e4ndigung zugunsten von Polarisierung und Meinungsblasen zur\u00fcck, Hayeks Bastards wollen mehr Carl Schmitt als J\u00fcrgen Habermas wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der postliberalen Welt von America first wird der \u201eWirtschaftsstandort\u201c nationaler, der homo oeconomicus betritt als Staatssubjekt die B\u00fchne. F\u00fcr die Individuen ist diese Rolle in der neuen Ordnung dagegen unpassend, zumindest wird sie nicht mehr allen in gleicher Weise mit gleichen Rechten zugestanden. Individueller Egoismus ist in der neuen Ordnung, wo Autorit\u00e4t wieder ein Gesicht hat, Trump, Putin, Thiel, Musk oder welches auch immer, potentiell herrschaftsgef\u00e4hrdend. Als neues Angebot kehren die alten Lehren von nat\u00fcrlichen Unterschieden zwischen sozialen Schichten, Geschlechtern und V\u00f6lkern wieder, vielleicht kombiniert mit Firmenstempeln von Weltkonzernen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der homo oeconomicus \u00d6konomische Theorien machen immer auch anthropologische Aussagen, selbst wenn sie es nicht explizit tun. 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