{"id":285,"date":"2026-10-08T06:15:33","date_gmt":"2026-10-08T06:15:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=285"},"modified":"2026-10-08T07:39:00","modified_gmt":"2026-10-08T07:39:00","slug":"jenseits-von-hayek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2026\/10\/08\/jenseits-von-hayek\/","title":{"rendered":"Jenseits von Hayek"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Freiheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_August_von_Hayek\">Friedrich August von Hayek<\/a> ist einer der S\u00e4ulenheiligen der Marktgl\u00e4ubigen. F\u00fcr Hayek ist der Mensch zu dumm, um die Wirtschaft zu planen. Der Markt soll es regeln, der Mensch sich unterwerfen, alles andere sind Wege in die Knechtschaft. Wie nicht anders zu erwarten, ist das schon zu seinen Lebzeiten heftig kritisiert worden und dass M\u00e4rkte wirklich alles am besten regeln, wenn man sie nur l\u00e4sst, glauben heute nur noch ganz Orthodoxe. Dass es gar keinen Staat brauche und auch keinerlei staatliche Absicherung gegen Armut, hat \u00fcbrigens nicht einmal Hayek gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwas paradox war bei Hayek das Marktvertrauen nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der Freiheit. Sein w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs entstandenes Buch \u201eWege zur Knechtschaft\u201c tr\u00e4gt diesen Gedanken ebenso im Titel wie auch sein sp\u00e4teres Werk \u201eDie Verfassung der Freiheit\u201c. Dahinter stand die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus. Hayek argumentierte nicht nur gegen die kommunistische Planwirtschaft, sondern, wenn man so will, ging es ihm auch um eine antifaschistische Wirtschaftspolitik. Die Unterwerfung unter dem Markt ist ersichtlich eine fragw\u00fcrdige Gegenrichtung auf dem Weg zur Knechtschaft, aber Freiheit war zumindest sein erkl\u00e4rtes Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der von Hayek mitbef\u00f6rderte Neoliberalismus mit seiner Verg\u00f6tzung freier und globalisierter M\u00e4rkte hat in vielen L\u00e4ndern Armut reduziert, aber sein Versprechen \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c hat er nicht eingel\u00f6st. Dieses Versprechen ist vor allem in den \u201ealten\u201c Industriel\u00e4ndern br\u00fcchig geworden. Zugleich ist f\u00fcr viele Menschen die mit der Unterwerfung unter die M\u00e4rkte einhergehende Ohnmacht und Auslieferung an anonyme M\u00e4chte unmittelbar erfahrbar geworden. Mehr noch als der Wunderglaube an die M\u00e4rkte hat in der Folge das Vertrauen in die liberale Demokratie gelitten, als der Gesellschaftsform, die nicht nur f\u00fcr Hayek der freien Marktwirtschaft als untrennbar angetraut bis der Tod sie scheidet galt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Macht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Boden des Neoliberalismus und seiner \u2013 marxistisch gesprochen \u2013 Entfaltung der Produktivkr\u00e4fte und der Umw\u00e4lzung alles Stehenden und St\u00e4ndischen ist am Horizont eine neue Ordnung heraufgezogen. Der <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2026-01-19-so-schnell-nie-so-gross-nie-milliardaersvermoegen-erreichen\">Ungleichheits-Bericht 2026 von Oxfam<\/a> beschreibt eine dramatische Zusammenballung ungeheuren Reichtums in den H\u00e4nden einiger weniger Personen, seien es reiche Erben, seien es geschickte Unternehmer. Das reichste 1 % der Bev\u00f6lkerung besitzt in Deutschland wie auch weltweit \u00fcber 40 % des gesamten Verm\u00f6gens, die \u00e4rmere H\u00e4lfte der Welt dagegen nur 0,5 %, und der Reichtum der Superreichen w\u00e4chst schneller als je zuvor. Da m\u00f6gen formal vor dem Gesetz noch alle Menschen gleich sein, von Macht und Einfluss her sind sie es weniger denn je.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"907\" height=\"772\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/image.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-286\" style=\"aspect-ratio:1.174757281553398;width:605px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/image.jpeg 907w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/image-300x255.jpeg 300w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/image-768x654.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 907px) 100vw, 907px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heutigen Oligarchen wandeln auch nicht auf Hayeks Spuren. Sie wollen keine M\u00e4rkte, keinen Wettbewerb, schon gar nicht Freiheit f\u00fcr alle. Sie wollen maximale Freiheit f\u00fcr sich. Zu deutsch: Macht. Der <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/muskismus-t-9783518001318\">\u201eMuskismus\u201c<\/a> ist keine Spielart des Neoliberalismus, er schickt sich an, ihn zu beerben, anschlussf\u00e4hig nach Rechts. <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/oben-rechts-t-9783518128138\">\u201eOben Rechts\u201c<\/a>. R\u00fccksicht auf die Mehrheit, geschweige denn auf die \u00c4rmeren, geh\u00f6rt nicht zum Mindset des Muskismus. Wie Douglas Rushkoff in seinem <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/douglas-rushkoff-survival-of-the-richest-t-9783518029992\">Buch \u201eSurvival of the Richest\u201c<\/a> beschrieben hat, wollen viele der Superreichen ihr Leben, angesichts der globalen Krisen ihr \u00dcberleben, nicht gemeinsam mit den vielen anderen Menschen, sondern ohne die vielen anderen Menschen sichern. Ihre Hoffnung setzen sie dabei in einen <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2025\/07\/25\/epistemisierung-des-politischen-solutionismus-disruption-mehr-demokratie-wagen\/\">technokratischen Solutionismus<\/a> sowie die Kumulation von Macht und Kapital in ihren H\u00e4nden. Die Demokratie soll ihre egomane Freiheitsvision nicht behindern. Das ist der Inbegriff einer faschistischen Wirtschaft, neuerdings mit einer entfesselten K\u00fcnstlichen Intelligenz als Zugmaschine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gegenmacht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem setzt die \u00d6konomin Isabella Weber das Konzept einer \u201eAntifaschistischen Wirtschaftspolitik\u201c entgegen. Nicht als R\u00fcckkehr zu Hayek, selbstverst\u00e4ndlich, vielmehr diametral gegen die autokratischen Zukunftsvorstellungen von <a href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/hardcover\/9781890951917\/hayeks-bastards\">Hayeks Bastards<\/a> gerichtet. <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/isabella-m-weber-antifaschistische-wirtschaftspolitik-t-9783518047460\">Ihr Buch dazu<\/a> erscheint auf Deutsch bei Suhrkamp am 13. Oktober 2026. In der <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2026\/oktober\/wirtschaftspolitik-gegen-den-faschismus\">Oktober-Ausgabe der Bl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/a> gibt es eine Geschmacksprobe. Das Programm einer solchen Wirtschaftspolitik formuliert sie dort so (S. 57\/58):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWir brauchen eine neue Vision von einer Wirtschaft, die wirklich die W\u00fcrde aller im Blick hat \u2013 eine echte Alternative sowohl zu den tr\u00fcgerischen Verhei\u00dfungen der extremen Rechten als auch zum profitfundamentalistischen Status quo. Der rechtsextremen Utopie von Auswegen f\u00fcr eine privilegierte Minderheit m\u00fcssen wir die Vision von einem lebenswerten Dasein f\u00fcr alle entgegensetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umsetzung liegt f\u00fcr sie darin, die Wirtschaft darauf auszurichten, essentielle G\u00fcter wie Nahrung, Wohnen oder Mobilit\u00e4t f\u00fcr alle bezahlbar zu halten und das von der Wertsch\u00f6pfungsseite her zu gew\u00e4hrleisten, nicht durch Geldzahlungen an die Bed\u00fcrftigen oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. Im Blick dabei auch die \u00f6kologische Situation (S. 64):<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEine Politik der essentiellen G\u00fcter, die kurzfristig die Bezahlbarkeit des Lebens sichert, dabei aber die nat\u00fcrlichen Systeme zerst\u00f6rt, von denen wir letztlich abh\u00e4ngen, stellt keine nachhaltige Antwort auf die faschistische Bedrohung dar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest ist, etwas salopp zusammengefasst, \u00f6konomisches Handwerk mit Analysen aus mehreren Regionen der Welt. Ihr Buch wurde von renommierten \u00d6konom:innen und anderen Wissenschaftler:innen gelobt, von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Piketty\">Thomas Piketty<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gabriel_Zucman\">Gabriel Zucman<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mariana_Mazzucato\">Mariana Mazzucato<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Quinn_Slobodian\">Quinn Slobodian<\/a> oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_K._Galbraith\">James Galbraith<\/a> beispielsweise. Alles keine Mitglieder der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_A._von_Hayek-Gesellschaft\">Hayek-Gesellschaft<\/a> oder der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mont_Pelerin_Society\">Mont Pelerin-Gesellschaft<\/a>, nat\u00fcrlich nicht. Ihr Ansatz wird erwartungsgem\u00e4\u00df nicht nur unter fachlich-\u00f6konomischen, sondern auch unter politischen Aspekten kontrovers diskutiert. Die \u201esoziale Marktwirtschaft\u201c, wirtschaftspolitisches Leitbild in Deutschland, wird im ideologischen Subtext oft als politisch behinderte freie Marktwirtschaft verstanden. Hayeks Schatten. Und erst recht wird Webers Konzept keine Zustimmung aus dem Dunstkreis <a href=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2023\/12\/25\/friedrich-nietzsche-als-oekonomischer-ratgeber\/\">protofaschistischer Geister<\/a> bekommen. Aber auch das utopische Potential der Bev\u00f6lkerung insgesamt ist ersch\u00f6pft. Der vielzitierte Spruch, dass wir uns eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen k\u00f6nnen, enth\u00e4lt zu Recht ein \u201euns\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche Realisierungschancen eine \u201eantifaschistische Wirtschaftspolitik\u201c hat, gegen den Muskismus, ist somit offen, und h\u00e4ngt auch von uns allen ab.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"422\" height=\"687\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-288\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/grafik.png 422w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2026\/10\/grafik-184x300.png 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiheit Friedrich August von Hayek ist einer der S\u00e4ulenheiligen der Marktgl\u00e4ubigen. 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