{"id":83,"date":"2024-02-09T18:37:34","date_gmt":"2024-02-09T18:37:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=83"},"modified":"2025-03-17T16:30:57","modified_gmt":"2025-03-17T16:30:57","slug":"praevention-sparsamkeit-und-gesundheitsausgaben-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/02\/09\/praevention-sparsamkeit-und-gesundheitsausgaben-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Pr\u00e4vention, Sparsamkeit und Gesundheitsausgaben in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jahr 2021 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge in Deutschland 474,1 Mrd. Euro. f\u00fcr Gesundheit ausgegeben, etwa 5.700 Euro pro Kopf. Gut die H\u00e4lfte davon, 255,2 Mrd. Euro, entfiel auf die gesetzliche Krankenversicherung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitsausgaben ist evident: 2021 haben sie 13,9 % des Bruttoinlandprodukts ausgemacht. Etwa 6 Mio. Personen wurden vom Statistischen Bundesamt als \u201eGesundheitspersonal\u201c gez\u00e4hlt, 13,4 % der 44,9 Mio. Erwerbst\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann in diesen Zahlen eine Ressourcenverschwendung sehen, wenn man meint, im Grunde handele es sich zu gro\u00dfen Teilen um \u00f6ffentlich finanzierte Soziallasten, die die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaft beeintr\u00e4chtigen. Man kann sie aber auch als Investition in die Gesundheit, Lebensqualit\u00e4t und Leistungsf\u00e4higkeit der Menschen hierzulande sehen. In jedem Fall hat man es mit <a href=\"\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC9130979\/\">dem gr\u00f6\u00dften Wirtschaftssektor der Volkswirtschaft<\/a> zu tun, weit vor der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau, einem sich h\u00f6chst dynamisch entwickelnden Sektor zudem.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Ressourcenverschwendung kann man einen Teil der Gesundheitsausgaben allerdings auch aus einem anderen Blickwinkel sehen: K\u00f6nnte man kurative und rehabilitative Ausgaben durch Pr\u00e4vention vermeiden, w\u00fcrde das auch menschliches Leid verringern und, je nach Saldierung von Aufwand und Ertrag, vielleicht sogar Kosten sparen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussion um die Pr\u00e4vention und ihr Sparpotential hat wie andere Themen der Gesundheitspolitik auch Konjunkturen. Aktuell beklagt z.B. Bundesgesundheitsminister Lauterbach eine mangelnde Performanz des Gesundheitssystems in Deutschland mit Blick auf die Lebenserwartung und die Herzkreislauferkrankungen <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesundheit\/2023-10\/bundesinstitut-fuer-praevention-aufklaerung-volkskrankheiten-vorbeugung\">und fordert mehr Pr\u00e4vention<\/a>. Das geplante <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2023\/11\/16\/das-bipam-nimmt-gestalt-an-aber-welche\/\">\u201eBundesinstitut f\u00fcr Pr\u00e4vention und Aufkl\u00e4rung in der Medizin (BIPAM)\u201c<\/a> soll den n\u00f6tigen Schub bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem der fr\u00fcheren Konjunkturzyklen der Pr\u00e4ventionsdebatte, vor 20 Jahren, hatte der Sachverst\u00e4ndigenrat Gesundheit, Karl Lauterbach war damals Mitglied des Gremiums, im <a href=\"https:\/\/www.svr-gesundheit.de\/archiv\/\">Jahresgutachten 2000\/2001<\/a> versucht, das Sparpotential der Pr\u00e4vention zu quantifizieren und enorme Sparm\u00f6glichkeiten ausgemacht:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eTheoretisch (bei nicht saldierter und nicht diskontierter Betrachtung) lassen sich rund 25 bis 30 % der heutigen Gesundheitsausgaben in Deutschland durch langfristige Pr\u00e4vention vermeiden \u2026).\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Gesundheitspolitik hat dies jedoch allen Rufen nach Kostend\u00e4mpfung im Gesundheitswesen zum Trotz keine nachhaltigen Initiativen f\u00fcr mehr Pr\u00e4vention ausgel\u00f6st. Auch in den Jahren danach blieb der Anteil der Pr\u00e4ventionsaufwendungen an den gesamten Gesundheitsausgaben praktisch unver\u00e4ndert bei knapp 4 %. Der Sprung nach oben im Jahr 2021 von 15 Mrd. Euro 2020 auf 31 Mrd. Euro oder 6,5 % Anteil an den Gesundheitsausgaben ist keine sp\u00e4te Bekehrung zur Pr\u00e4vention, sondern Ausdruck der hohen Kosten f\u00fcr die Infektionsschutzma\u00dfnahmen in der Coronakrise, ein vor\u00fcbergehender Sondereffekt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"876\" height=\"527\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/02\/Praeventionsausgaben_Zeitreihe.png\" alt=\"Grafik zum Anteil der Pr\u00e4vention an den Gesundheitsausgaben, 1992-2021\" class=\"wp-image-84\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/02\/Praeventionsausgaben_Zeitreihe.png 876w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/02\/Praeventionsausgaben_Zeitreihe-300x180.png 300w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/02\/Praeventionsausgaben_Zeitreihe-768x462.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 876px) 100vw, 876px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das 2015 nach mehreren vergeblichen Anl\u00e4ufen verabschiedete Pr\u00e4ventionsgesetz hat an dem gleichbleibenden Anteil der Pr\u00e4ventionsausgaben ebenfalls nichts ge\u00e4ndert. 2022 wurden auf Basis des Pr\u00e4ventionsgesetzes <a href=\"https:\/\/bvpraevention.de\/cms\/index.asp?inst=newbv&amp;snr=13902&amp;t=Pr%C3%A4ventionsbericht+2022\">ca. 550 Mio. Euro ausgegeben<\/a>, fast alles von den Krankenkassen. Bezieht man diese Ausgaben auf die Gesundheitsausgaben im Vor-Corona-Zeitraum, so macht das eine Differenz von 0,1 % Pr\u00e4ventionsanteil aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wirklich relevanten pr\u00e4ventiven Effekte werden aber ohnehin nicht durch Bewegungs- und Entspannungskurse der Krankenkassen erzielt, sondern durch eine gesundheitsgerechte Gestaltung der Lebensbedingungen, z.B. bei der Arbeit, der Ern\u00e4hrung, der Hygiene oder der Umwelt. Da hat sich in den letzten 150 Jahren viel verbessert \u2013 derzeit gibt aber wenig Bewegung in der sog. \u201eVerh\u00e4ltnispr\u00e4vention\u201c, die neoliberale Selbstverantwortungsideologie steht dem mental und praktisch im Wege. Derzeit ist nicht einmal ein Tempolimit auf deutschen Stra\u00dfen durchsetzbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sachverst\u00e4ndigenrat bezog sich bei seiner damaligen Sch\u00e4tzung auf eine Publikation, die mit einer selektiven Datenbasis und hypothetischen Kostenbetrachtungen gearbeitet hat (Schwartz et al.: Gesundheitsausgaben f\u00fcr chronische Krankheit in Deutschland &#8211; Krankheitskostenlast und Reduktionspotenziale durch verhaltensbezogene Risikomodifikation, 1999). Die Gr\u00f6\u00dfenordnung des Einsparpotentials hat der Sachverst\u00e4ndigenrat zwar durch exemplarische Studiendaten im Herzkreislaufbereich zu plausibilisieren versucht. Allerdings hat bereits kurz nach dem SVR-Gutachten Fritz Beske im \u00c4rzteblatt die Belastbarkeit der Aussagen des Sachverst\u00e4ndigenrats kritisiert. Unter der \u00dcberschrift <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/31415\/Praevention-Vor-Illusionen-wird-gewarnt\">\u201eVor Illusionen wird gewarnt\u201c<\/a> schrieb er:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eIn keinem Land der Welt gibt es wissenschaftlich begr\u00fcndete Untersuchungen \u00fcber die globale Einsparung im Gesundheitswesen eines Landes durch Pr\u00e4vention.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dies trifft zu und ist auch heute nicht anders. Zwar gibt es eine Flut an sektoralen Befunden zur Kosteneffektivit\u00e4t von Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen in der prim\u00e4ren, sekund\u00e4ren und terti\u00e4ren Pr\u00e4vention, vom Neugeborenenscreening \u00fcber das Impfen und spezifischen Bewegungsangeboten bis hin zur Psychotherapie, auch gute settingbezogene Analysen zum Return on Investment f\u00fcr die Unfallverh\u00fctung und andere betriebliche Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen, aber diese Befunde lassen sich nicht konsistent aggregieren und, auch darauf hatte Fritz Beske hingewiesen, auch nicht ohne Weiteres \u00fcber die Lebensspanne mit Ausgaben an anderer Stelle saldieren. <a href=\"https:\/\/www.gesundheitsdialog-bw.de\/fileadmin\/media\/Download\/PG-Berichte\/Bedeutung_der_Praevention_und_Gesundheitsfoerderung_fuer_die_wirtschaftl._Entwicklung_BWs.pdf\">Aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kommende Ans\u00e4tze<\/a> wiederum sind auf voraussetzungsreiche Vergleiche, z.B. zwischen Regionen, angewiesen, die mit anderen Problemen bei der Bewertung des globalen Effekts von Pr\u00e4vention auf wirtschaftliche Outcomes wie Kosten oder Wertsch\u00f6pfung konfrontiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Punkt, den im Detail \u00d6konomen diskutieren m\u00f6gen, einmal beiseitegestellt, hat Beske zu Recht auch noch einmal an das eigentliche Anliegen der Pr\u00e4vention erinnert:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDas Ziel der Pr\u00e4vention ist in erster Linie die Verl\u00e4ngerung des Lebens und die Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat geht es nicht um Sparen um jeden Preis, da w\u00e4re es am effektivsten, alle Kinder kurz nach der Geburt zu t\u00f6ten \u2013 eine offenkundig absurde Idee, sondern um die Erwirtschaftung der Mittel, die f\u00fcr ein gutes Leben und auch f\u00fcr ein leistungsf\u00e4higes Humankapital n\u00f6tig sind. Dabei k\u00f6nnen gesundheits\u00f6konomische Analysen durchaus hilfreich sein, auch in der Pr\u00e4vention kann man unn\u00f6tig Geld ausgeben. Weder ist Pr\u00e4vention per se wirksam noch spart sie per se kurative Mittel. Vielleicht liefert das geplante Bundesinstitut dazu neue Daten. Zur H\u00e4ufigkeit von Krankheiten und Risikofaktoren, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2024\/02\/05\/karl-lauterbach-und-die-gesundheitsdaten-zwischen-rki-und-bipam\/\">Daten, die Lauterbach vermisst<\/a>, hat das RKI dagegen regelrechte Datenberge angeh\u00e4uft, ohne dass dies bisher allzuviel Impact in der Gesundheitspolitik gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/02\/grafik-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-86\" \/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em><strong>Nachtrag 14.2.2024<\/strong>: Der Beitrag ist heute auch bei Makroskop erschienen: https:\/\/makroskop.eu\/05-2024\/durch-pravention-sparen\/<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2021 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge in Deutschland 474,1 Mrd. 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