{"id":94,"date":"2024-03-09T18:13:42","date_gmt":"2024-03-09T18:13:42","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/?p=94"},"modified":"2024-08-14T17:49:53","modified_gmt":"2024-08-14T17:49:53","slug":"soziale-ungleichheit-und-gesundheit-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/2024\/03\/09\/soziale-ungleichheit-und-gesundheit-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor ein paar Tagen hatte ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2024\/03\/06\/karl-lauterbach-kompensation-politischer-durch-wissenschaftliche-autoritaet\/\">nebenan bei Scienceblogs<\/a> Karl Lauterbachs Er\u00f6ffnungsrede zum Kongress Armut und Gesundheit kommentiert. Unter anderem hatte er dabei auch gesagt, die soziale Ungleichheit in Deutschland nehme zu. Gef\u00fchlt ist das sicher so, und je nachdem, wie man die soziale Ungleichheit misst und welche Daten man dazu heranzieht, kommt man auch zu etwas unterschiedlichen Ergebnissen. Insofern will ich diese Bemerkung nicht auf die Goldwaage legen. H\u00e4tte er die Datenlage gekannt, h\u00e4tte er den zuletzt gemessenen kleinen R\u00fcckgang wom\u00f6glich als Erfolg der Bundesregierung verkauft, das h\u00e4tte die Sache nicht besser gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein g\u00e4ngiges Ma\u00df f\u00fcr soziale Ungleichheit ist der \u201eGini-Koeffizient\u201c, benannt nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini. Er nimmt Werte zwischen 1 (maximale Ungleichheit) und 0 (Gleichverteilung) an. Der Gini-Koeffizient misst also nicht das Wohlstandsniveau: er ist in Ostdeutschland deutlich niedriger als in Westdeutschland, obwohl die Einkommen im Westen im Durchschnitt h\u00f6her sind. Bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gini-Koeffizient\">Wikipedia<\/a> wird die Grundidee des Gini-Koeffizienten anschaulich erkl\u00e4rt, auf die Feinheiten kommt es hier nicht an.<\/p>\n\n\n\n<p>Legt man die <a href=\"http:\/\/dns-indikatoren.de\/10-2\/\">Daten der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung<\/a> zugrunde, wie sie das Statistische Bundesamt ausweist, so zeigt sich in den letzten Jahren weder beim Einkommen noch beim Verm\u00f6gen eine Zunahme sozialer Ungleichheit. Allerdings gilt es zu bedenken, dass die zeitweise horrende Inflation einkommensschw\u00e4chere Gruppen erheblich in Bedr\u00e4ngnis gebracht hat, was sich so nicht im Gini-Koeffizienten niederschl\u00e4gt. Des Weiteren gib die folgende Grafik die Einkommensverteilung nach Sozialtransfers wieder, nicht die Ungleichheit der Markteinkommen. Im zeitlichen Trend der letzten Jahre gibt es bei den Gini-Koeffizienten vor und nach Sozialtransfer zwar keine relevanten Unterschiede, aber f\u00fcr die psychologische Wahrnehmung sozialer Ungleichheit ist es sicher nicht folgenlos, ob man sein Geld durch seine eigene Arbeit verdient oder auf Sozialleistungen angewiesen ist. Vor Sozialtransfers lag der Gini-Koeffizient in Deutschland 2022 bei 0,353, nach Sozialtransfers bei 0,288. Dieser Sachverhalt wiegt in einer Gesellschaft, die das Versprechen \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c bem\u00fcht, besonders. Ungleichheit einerseits als Motivation f\u00fcr mehr Anstrengung in der Arbeitswelt zu legitimieren und andererseits dann, wenn das Wohlstandsversprechen f\u00fcr die sozial Benachteiligten br\u00fcchig wird, von \u201eSozialneid\u201c zu sprechen, ist f\u00fcr die politische Kommunikation ein schmaler Grat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"756\" height=\"497\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-129\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-1.jpg 756w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-1-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das wird deutlicher, geht man in der Zeit etwas l\u00e4nger zur\u00fcck. In den 1990er Jahren war die Einkommensungleichheit deutlich niedriger als heute, wie z.B. der <a href=\"https:\/\/www.wsi.de\/de\/soziale-ungleichheit-fragen-und-antworten-15098-frage-1-waechst-die-ungleichheit-der-einkommen-15236.htm\">WSI-Verteilungsmonitor<\/a> dokumentiert. Den niedrigsten Wert in den letzten 30 Jahren wies das Jahr 1999 mit einem Gini-Koeffizienten von 0,248 auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland ist zwar den Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge ebenfalls kein Anstieg festzustellen, sie ist aber mit einem Gini-Koeffizienten von 0,727 im Jahr 2022 viel ausgepr\u00e4gter als die Ungleichheit der Einkommen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"756\" height=\"502\" src=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-130\" srcset=\"https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-2.jpg 756w, https:\/\/blogs.fediscience.org\/leben-und-geld\/wp-content\/uploads\/sites\/6\/2024\/04\/Ginikoeff-2-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dabei konzentrieren sich nicht nur die ganz gro\u00dfen Verm\u00f6gen in Deutschland auf einen kleinen Kreis reicher Leute. Eine wichtige Rolle spielt hier auch, dass Deutschland eine der <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/publikationen\/forschung\/research-brief\/2020-30-wohneigentumsquote-822090\">niedrigsten Wohneigentumsquoten in Europa<\/a> hat, etwa 20 % unter dem europ\u00e4ischen Durchschnitt. Die sog. \u201everm\u00f6genswirksamen Leistungen\u201c, mit denen die Bundesregierung die Verm\u00f6gensbildung der Besch\u00e4ftigten f\u00f6rdern will, werden daran gewiss nichts \u00e4ndern. Sie belaufen sich derzeit auf 40 Euro im Monat. Damit hat man ein Reihenhaus im M\u00fcnchner Umland in ca. 2.000 Jahren angespart. Das erleben die Wenigsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Umverteilung hat in Deutschland trotzdem keinen guten Ruf. Gegen eine Korrektur der am Markt entstandenen Ungleichheit gibt es gro\u00dfen Widerstand. Der Mindestlohn beispielsweise wurde lange mit dem Argument bek\u00e4mpft, er schade der Wirtschaft und vernichte Arbeitspl\u00e4tze, bei der Verm\u00f6gens- und Erbschaftssteuer wird mit der gleichen Gefahr gedroht. Bei der Erbschaftssteuer kommt oft noch das das eigenartige Argument dazu, dieses Verm\u00f6gen sei doch schon vom Erblasser versteuert worden und d\u00fcrfe nicht noch ein zweites Mal versteuert werden. W\u00fcrde man, wenn man von seinem bereits versteuerten Einkommen Lebensmittel kauft oder Benzin tankt, fragen, warum man hier \u00fcber Verbrauchssteuern erneut zur Kasse gebeten wird, w\u00fcrde das als Argument vermutlich kaum verfangen. Ist halt so.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber, dass soziale Ungleichheit zu gesundheitlicher Ungleichheit f\u00fchrt, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2016\/04\/02\/arme-sterben-frueher-was-tun\/\">muss man eigentlich keine Worte mehr verlieren<\/a>. Es gibt vermutlich keinen epidemiologischen Befund, der durch mehr Studien belegt ist. Von daher w\u00e4re es interessanter gewesen, Karl Lauterbach h\u00e4tte bei seiner Rede mehr dar\u00fcber gesprochen, warum die Politik bei der Bek\u00e4mpfung sozialer Ungleichheit <a href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/piketty-kurze-geschichte-gleichheit\/product\/33757016\">nicht wirklich vorankommt<\/a>, was das mit Machtverh\u00e4ltnissen zu tun hat, mit der Globalisierung, ver\u00e4nderten Arbeitsm\u00e4rkten, schw\u00e4chelnden Gewerkschaften, vielleicht auch mit Ideologie und fehlender <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/gesundheits-check\/2023\/11\/16\/das-bipam-nimmt-gestalt-an-aber-welche\/\">Aufkl\u00e4rung au\u00dferhalb der Medizin<\/a>, statt nur einmal mehr die Erwartungshaltung des Publikums zu bedienen, dass soziale Ungleichheit krank macht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><em>Der Beitrag wurde inzwischen auch auf Makroskop ver\u00f6ffentlicht: https:\/\/makroskop.eu\/12-2024\/gesundheit-gini-koeffizient-und-globalisierung\/<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen hatte ich nebenan bei Scienceblogs Karl Lauterbachs Er\u00f6ffnungsrede zum Kongress Armut und Gesundheit kommentiert. 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