Freiheit
Friedrich August von Hayek ist einer der Säulenheiligen der Marktgläubigen. Für Hayek ist der Mensch zu dumm, um die Wirtschaft zu planen. Der Markt soll es regeln, der Mensch sich unterwerfen, alles andere sind Wege in die Knechtschaft. Wie nicht anders zu erwarten, ist das schon zu seinen Lebzeiten heftig kritisiert worden und dass Märkte wirklich alles am besten regeln, wenn man sie nur lässt, glauben heute nur noch ganz Orthodoxe. Dass es gar keinen Staat brauche und auch keinerlei staatliche Absicherung gegen Armut, hat übrigens nicht einmal Hayek gemeint.
Etwas paradox war bei Hayek das Marktvertrauen nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der Freiheit. Sein während des zweiten Weltkriegs entstandenes Buch „Wege zur Knechtschaft“ trägt diesen Gedanken ebenso im Titel wie auch sein späteres Werk „Die Verfassung der Freiheit“. Dahinter stand die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus. Hayek argumentierte nicht nur gegen die kommunistische Planwirtschaft, sondern, wenn man so will, ging es ihm auch um eine antifaschistische Wirtschaftspolitik. Die Unterwerfung unter dem Markt ist ersichtlich eine fragwürdige Gegenrichtung auf dem Weg zur Knechtschaft, aber Freiheit war zumindest sein erklärtes Ziel.
Der von Hayek mitbeförderte Neoliberalismus mit seiner Vergötzung freier und globalisierter Märkte hat in vielen Ländern Armut reduziert, aber sein Versprechen „Wohlstand für alle“ hat er nicht eingelöst. Dieses Versprechen ist vor allem in den „alten“ Industrieländern brüchig geworden. Zugleich ist für viele Menschen die mit der Unterwerfung unter die Märkte einhergehende Ohnmacht und Auslieferung an anonyme Mächte unmittelbar erfahrbar geworden. Mehr noch als der Wunderglaube an die Märkte hat in der Folge das Vertrauen in die liberale Demokratie gelitten, als der Gesellschaftsform, die nicht nur für Hayek der freien Marktwirtschaft als untrennbar angetraut bis der Tod sie scheidet galt.
Macht
Auf dem Boden des Neoliberalismus und seiner – marxistisch gesprochen – Entfaltung der Produktivkräfte und der Umwälzung alles Stehenden und Ständischen ist am Horizont eine neue Ordnung heraufgezogen. Der Ungleichheits-Bericht 2026 von Oxfam beschreibt eine dramatische Zusammenballung ungeheuren Reichtums in den Händen einiger weniger Personen, seien es reiche Erben, seien es geschickte Unternehmer. Das reichste 1 % der Bevölkerung besitzt in Deutschland wie auch weltweit über 40 % des gesamten Vermögens, die ärmere Hälfte der Welt dagegen nur 0,5 %, und der Reichtum der Superreichen wächst schneller als je zuvor. Da mögen formal vor dem Gesetz noch alle Menschen gleich sein, von Macht und Einfluss her sind sie es weniger denn je.

Die heutigen Oligarchen wandeln auch nicht auf Hayeks Spuren. Sie wollen keine Märkte, keinen Wettbewerb, schon gar nicht Freiheit für alle. Sie wollen maximale Freiheit für sich. Zu deutsch: Macht. Der „Muskismus“ ist keine Spielart des Neoliberalismus, er schickt sich an, ihn zu beerben, anschlussfähig nach Rechts. „Oben Rechts“. Rücksicht auf die Mehrheit, geschweige denn auf die Ärmeren, gehört nicht zum Mindset des Muskismus. Wie Douglas Rushkoff in seinem Buch „Survival of the Richest“ beschrieben hat, wollen viele der Superreichen ihr Leben, angesichts der globalen Krisen ihr Überleben, nicht gemeinsam mit den vielen anderen Menschen, sondern ohne die vielen anderen Menschen sichern. Ihre Hoffnung setzen sie dabei in einen technokratischen Solutionismus sowie die Kumulation von Macht und Kapital in ihren Händen. Die Demokratie soll ihre egomane Freiheitsvision nicht behindern. Das ist der Inbegriff einer faschistischen Wirtschaft, neuerdings mit einer entfesselten Künstlichen Intelligenz als Zugmaschine.
Gegenmacht
Dem setzt die Ökonomin Isabella Weber das Konzept einer „Antifaschistischen Wirtschaftspolitik“ entgegen. Nicht als Rückkehr zu Hayek, selbstverständlich, vielmehr diametral gegen die autokratischen Zukunftsvorstellungen von Hayeks Bastards gerichtet. Ihr Buch dazu erscheint auf Deutsch bei Suhrkamp am 13. Oktober 2026. In der Oktober-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik gibt es eine Geschmacksprobe. Das Programm einer solchen Wirtschaftspolitik formuliert sie dort so (S. 57/58):
„Wir brauchen eine neue Vision von einer Wirtschaft, die wirklich die Würde aller im Blick hat – eine echte Alternative sowohl zu den trügerischen Verheißungen der extremen Rechten als auch zum profitfundamentalistischen Status quo. Der rechtsextremen Utopie von Auswegen für eine privilegierte Minderheit müssen wir die Vision von einem lebenswerten Dasein für alle entgegensetzen.“
Die Umsetzung liegt für sie darin, die Wirtschaft darauf auszurichten, essentielle Güter wie Nahrung, Wohnen oder Mobilität für alle bezahlbar zu halten und das von der Wertschöpfungsseite her zu gewährleisten, nicht durch Geldzahlungen an die Bedürftigen oder ein bedingungsloses Grundeinkommen. Im Blick dabei auch die ökologische Situation (S. 64):
„Eine Politik der essentiellen Güter, die kurzfristig die Bezahlbarkeit des Lebens sichert, dabei aber die natürlichen Systeme zerstört, von denen wir letztlich abhängen, stellt keine nachhaltige Antwort auf die faschistische Bedrohung dar.“
Der Rest ist, etwas salopp zusammengefasst, ökonomisches Handwerk mit Analysen aus mehreren Regionen der Welt. Ihr Buch wurde von renommierten Ökonom:innen und anderen Wissenschaftler:innen gelobt, von Thomas Piketty, Gabriel Zucman, Mariana Mazzucato, Quinn Slobodian oder James Galbraith beispielsweise. Alles keine Mitglieder der Hayek-Gesellschaft oder der Mont Pelerin-Gesellschaft, natürlich nicht. Ihr Ansatz wird erwartungsgemäß nicht nur unter fachlich-ökonomischen, sondern auch unter politischen Aspekten kontrovers diskutiert. Die „soziale Marktwirtschaft“, wirtschaftspolitisches Leitbild in Deutschland, wird im ideologischen Subtext oft als politisch behinderte freie Marktwirtschaft verstanden. Hayeks Schatten. Und erst recht wird Webers Konzept keine Zustimmung aus dem Dunstkreis protofaschistischer Geister bekommen. Aber auch das utopische Potential der Bevölkerung insgesamt ist erschöpft. Der vielzitierte Spruch, dass wir uns eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen können, enthält zu Recht ein „uns“.
Welche Realisierungschancen eine „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ hat, gegen den Muskismus, ist somit offen, und hängt auch von uns allen ab.

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