Kritik am Gesundheitswesen und die Lebenserwartung

Man hört es immer wieder: Unser Gesundheitswesen sei teuer, aber ineffektiv. Wie ein Mantra findet sich diese Verbindung in Begründungen dafür, dass sich im deutschen Gesundheitswesen etwas ändern müsse. Dass sich etwas ändern muss, kann man natürlich unbesehen bejahen. Es gibt viele Baustellen, von der Krankenhausreform über die bis heute nicht überwundenen Sektorengrenzen bis hin zur Pflege. Es muss sich etwas ändern, keine Frage.

Aber was hat es mit dieser Begründung auf sich? Die Lebenserwartung, da sind sich die Gesundheitswissenschaften eigentlich einig, wird vor allem durch den Lebensalltag bestimmt, die sozioökonomischen Verhältnisse und in Abhängigkeit davon vom Lebensstil. Das Gesundheitswesen spielt eher eine nachrangige Rolle. Das bedeutet umgekehrt: Die Lebenserwartung ist kein Outcome, das besonders sensibel auf Veränderungen im Gesundheitswesen reagiert, sie ist kein guter Indikator für die Qualität des Gesundheitswesens.

Diese lässt sich besser an anderen Indikatoren ablesen, z.B. den nosokomialen Infektionen, Behandlungsfehlern, ambulant sensitiven Krankenhausfällen, Arzneimittelverordnungen ohne Wirksamkeitsnachweis, medizinisch nicht indizierten Kaiserschnitten, regionalen Unterschieden bei bestimmten Behandlungen wie z.B. Mandeloperationen oder auch kurativ vermeidbaren Sterbefällen. Zu all diesen Dingen gibt es Daten.

Aber die Gegenüberstellung von Gesundheitsausgaben und Lebenserwartung hat etwas Suggestives. In den genannten Begründungen wird meist der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt angeführt und da nimmt Deutschland in den Eurostat-Daten in der Tat einen Spitzenplatz ein:

Bei der Lebenserwartung liegt Deutschland dagegen, vielzitiert, nur im Durchschnitt:

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Vortrag der früheren Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Claudia Schmidtke, gehört. Sie verwies anhand solcher Daten auf Luxemburg als Vorbild, das mit viel weniger Gesundheitsausgaben viel mehr Lebenserwartung bewirke.

Beim Stichwort Luxemburg sollte man allerdings immer hellhörig werden. Luxemburg ist ein Land mit einem ungewöhnlich hohen BIP. Und siehe da, nimmt man als Bezugsgröße für den internationalen Vergleich der Gesundheitsausgaben nicht deren Anteil am BIP, sondern die Pro-Kopf-Ausgaben, sieht das Bild ganz anders aus:

Jetzt hat Luxemburg nicht mehr die niedrigsten Ausgaben, sondern die höchsten. Ist sein Gesundheitswesen somit doch nicht so gut? Auch Irland wechselt übrigens deutlich die Position bei den Ausgaben. Wenn man über den potentiellen Einfluss des Gesundheitswesens auf die Gesundheit der Menschen nachdenkt, wären die Pro-Kopf-Ausgaben vielleicht ohnehin die bessere Bezugsbasis, sie lassen sich etwas besser als die Leistung interpretieren, die bei den Menschen ankommt.

Aber das ist letztlich gesundheitsökonomische Kaffeesatzleserei und macht unser Gesundheitswesen nicht effizienter oder patientenfreundlicher. Jedenfalls sollte man angesichts solcher Daten etwas vorsichtiger mit dem Narrativ sein, unser Gesundheitswesen sei gemessen an der Lebenserwartung zu teuer. Vielleicht ist die Lebenserwartung in Deutschland ja nur Mittelmaß, weil hier immer noch so viele Menschen rauchen, der Alkoholkonsum recht hoch ist, die Menschen zu viel ökonomische Unsicherheit ertragen müssen, zu viel Stress am Arbeitsplatz oder zu viele Umweltschadstoffe?



Comments

35 Antworten zu „Kritik am Gesundheitswesen und die Lebenserwartung“

  1. uwe hauptschueler

    Die Lebenserwartung der Einwohner Luxemburgs ab der Geburt lag 2020 bei 81,7 Jahren[25] (Frauen: 84,2[26], Männer: 79,4[27]).
    Q.:+https://de.wikipedia.org/wiki/Luxemburg

    Die Lebenserwartung der Einwohner
    München, Stadt gesamt 83,02, Männer 81,39, Frauen 84,39
    Q.:+https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Landkreise_nach_Lebenserwartung

    Statt nach Luxemburg zu schielen könnte man auch versuchen in Deutschland münchner Verhältnisse herzustellen.

    1. leben-und-geld

      @ uwe hauptschueler:

      Danke für diesen in vieler Hinsicht guten Hinweis. Angesichts der erheblichen regionalen Unterschiede der Lebenserwartung innerhalb Deutschlands könnte man die Vertreter der These, unser Gesundheitswesen sorge nur für eine mittelmäßige Lebenserwartung, fragen, ob sie ernsthaft glauben, das sei die Folge von Unterschieden in der Qualität der Gesundheitsversorgung. Obwohl, die überdurchschnittlich vielen Heilpraktiker in Südbayern glauben das vielleicht wirklich.

  2. Alisier

    Das Thema ist ein ungewöhnlich schwierig einzuschätzendes.
    Weil es nicht nur um die Effizienz und die Patientenfreundlichkeit gehen kann, sondern immer auch um die Lebensqualität.
    Und was alles in Lebensqualität allgemein einfließt ist dann auch hoch komplex.

    Luxemburg war lange ein Land wie ein Dorf, mit einer unglaublich lebendigen Kneipen- und Restaurantkultur: hier gibt es durchaus Parallelen zu Irland. Sozial Isolierende Großstadtkulturen waren in beiden Ländern kaum zu finden.
    Dann aber wieder München…..

    Meine Vermutung und Prognose: fehlender Stress wegen einer außergewöhnlich guten Versorgung und Absicherung könnte eine Rolle spielen, und das jetzt nicht nur auf Gesundheit bezogen. Zumindest was Luxemburg betrifft.
    Und der Stress nimmt gerade zu, was sich auswirken dürfte, denke ich.
    Ansonsten bleibt es aber tatsächlich Kaffeesatzleserei.
    Ein Blick nach China wäre vielleicht interessant, weil sich dort die Bedingungen innerhalb von wenigen Jahrzehnten radikal geändert haben. Dort sind dann aber verlässliche Daten viel schwieriger zu bekommen, wenn ich richtig informiert bin.

    Es bleibt aber dabei: die Lebenserwartung ist in der EU im Weltvergleich ausgesprochen hoch und einigermaßen ausgereizt. (Den medizinischen Fortschritt mit noch mehr lebensverlängernden Möglichkeiten gibt es natürlich immer noch)
    Ein Blick in die USA als Vergleich…..?
    Wie steht es mit der allgemeinen Zufriedenheit und dem Glücksempfinden?

    Ich bin zudem nicht der Meinung, dass eine Lebensverlängerung um jeden Preis etwas über die Qualität des (individuellen?) Lebens an sich aussagt. Hier gerät die Aussagekraft der Statistik automatisch an ihre Grenzen.

  3. Alisier

    Nachtrag:
    Luxemburg, Irland und München sind erzkatholisch.
    Könnte das vielleicht alles erlären?
    😉

    1. leben-und-geld

      @ Alisier:

      Falls auch die Störche dort erzkatholisch sind, sollte man diese Erklärung in Betracht ziehen.

  4. uwe hauptschueler

    „Religionen in München
    Mit Stand März 2024 waren von den 1.590.877 Einwohnern 24,4 % katholisch, 8,9 % evangelisch und 66,7 % gehörten anderen Glaubensgemeinschaften an oder waren konfessionslos

    Konfessionslose stellen in München die absolute Mehrheit dar,“
    Q.:+https://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_M%C3%BCnchen

    @Alisier
    Knapp daneben ist auch vorbei.

  5. Alisier

    @ uwe hauptschüler
    Es geht immer um Traditionen, und nicht um das, was tatsächlich ist!
    Frag die CSU. Sie wird es dir bestätigen.

  6. Ludger

    In München können sich nur Reiche die Wohnungsmiete leisten. Da reiche Menschen eine höhere Lebenserwartung haben, ist klar, was zu tun ist: Mieten rauf, dann klappts auch mit der Lebenserwartung. (Soviel zum Thema Korrelation und Kausalität.)

  7. Alisier

    @ Ludger
    Träfe auch für Luxemburg zu.
    Also ja: macht alle reich. Wäre das Einfachste.

  8. leben-und-geld

    Ganz aktuell im Handelsblatt:

    „In Deutschland ist die Lebenserwartung geringer als in vielen anderen westeuropäischen Ländern – trotz höchster Gesundheitsausgaben im EU-Vergleich“

    https://www.handelsblatt.com/adv/presseportal/pfizer-pharma-gmbh-aktuelle-umfrage-zeigt-deutsche-lassen-ihr-auto-haeufiger-ueberpruefen-als-ihre-gesundheit/29770522.html

    Ob der Satz viel mehr aussagt als der, dass Deutschland die Lebenserwartung geringer ist als in vielen anderen westeuropäischen Ländern, trotz bedeutender Automarken?

    1. uwe hauptschueler

      15mal kommt im verlinkten Text das Wort Pfizer vor. Im sehr klein Gedruckten findet man mit der Suchfunktion auch dann das Wort Anzeige.

  9. RGS

    Man könnte mit Blick auf Luxemburg mit seinem hohen BIP pro Kopf auch auf folgende Ideen kommen:
    Erhöht die Zahl der Briefkastenfirmen, senkt die Unternehmenssteuern, erhöht die Zahl der Unternehmen, die in D. Steuern zahlen, halbiert die Zahl der Einwohner in Deutschland, ändert die Berechnung des BIP, sodass es steigt.

    Danke für den Hinweis auf die Maßzahl Ausgaben pro Kopf. Die werde ich künftig in Diskussionen immer parat haben.

    Mehr Bildung in Statistik wäre vielleicht auch eine Stellschraube für die Beurteilung ob unsere Ausgaben für Gesundheit zu hoch sind.

  10. uwe hauptschueler

    Bei Corona war es ähnlich. Warum welches Bundesland besonders gut oder schlecht abgeschnitten hat, war nicht so wichtig, es wurden lieber Vergleiche mit Schweden angestellt.
    Bei Pisa wird sich mit der Welt verglichen. In welchem Bundesland besser oder schlechter unterrichtet wird scheint auch niemand zu interessieren.

  11. Alisier

    Ein Wahlplakat von denen habe ich gerade gesehen:

    https://verjuengungsforschung.de/

    Wenn wir die wählen ändert sich alles und wir müssen uns keine Sorgen mehr um die Lebenserwartunbg machen….
    Weiß jemand ob das eine Aktion der PARTEI ist oder meinen die das ernst?

    1. @ Alisier:

      Die meinen das ernst.

  12. Beobachter

    Wenn man von einer durchschnittlichen (hohen) Lebenserwartung „der Menschen“ in DE und von durchschnittlichen (hohen) Gesundheitsausgaben pro Kopf ausgeht, vernachlässigt man den wichtigen Aspekt, dass sich in DE der Abstand bei der Lebenserwartung zwischen „oben und unten“ vergrößert.
    Bzw. dass die „oben“ älter werden als die „unten“.
    Und dass die Gesundheitsausgaben wohl auch ungleich verteilt werden/sind (PKV- und GKV-Versicherte !).

    https://aktuelle-sozialpolitik.de/2024/05/03/lebenserwartungsabstand-unten-und-oben/

    „Was und wie viel hast Du (nicht) und wo wohnst Du (nicht)? Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf. Bei der Lebenserwartung. Und dabei mit einem besonderen Blick auf die regionale Ebene
    … “

    “ … Fazit

    Tetzlaff et al. haben festgestellt, dass sich die Kluft in der Lebenserwartung zwischen den Bewohnern der am stärksten und der am wenigsten benachteiligten Quintile der Stadt- und Landkreise in Deutschland vergrößert hat. Die häufigsten Todesursachen waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, wobei der Anteil der Krebssterblichkeit im Laufe der Zeit zunahm und der Anteil der Herz-Kreislauf-Erkrankungen abnahm. Die Heterogenität der Todesursachen, die zu den sozioökonomischen Unterschieden in der Lebenserwartung beitragen, hat seit Anfang der 2000er Jahre zugenommen, da Ursachen wie COPD, Diabetes und fortschreitende neurogenerative Erkrankungen (Demenz und Alzheimer) zunehmend an Bedeutung gewinnen. Aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit und der gesundheitlichen Chancengleichheit wurden in der Studie Stadt- und Landkreise ermittelt, in denen der größte Bedarf an verbesserter Krankheitsprävention und -bekämpfung besteht, um die sozioökonomische Kluft bei der Lebenserwartung zu verringern, vor allem bei der Krebsprävention und -behandlung.“

    1. leben-und-geld

      @ Beobachter:

      „dass die Gesundheitsausgaben wohl auch ungleich verteilt werden/sind (PKV- und GKV-Versicherte“

      Ob das einen Einfluss auf die Lebenserwartung hat, weiß kein Mensch.

  13. Beobachter

    Gibt es dazu keine Statistiken?

    Denn man könnte annehmen, dass (gutsituierte) PKV-Versicherte sich mehr um ihre eigene Gesundheit kümmern (können) und dass man sich in unserer Gesundheitswirtschaft auch mehr und besser um sie kümmert, weil sie besser bezahlen können.

    Bei (weniger gutsituierten bis armen) GKV-Versicherten sieht beides vermutlich ganz anders aus.

    Außerdem gibt es auch im reichen Deutschland eine Menge Menschen, die gar nicht krankenversichert sind – z. B. Obdachlose, osteuropäische Erntehelfer/Saisonarbeiter, unangemeldete Arbeitskräfte in der Pflege.

    1. leben-und-geld

      @ Beobachter:

      „Gibt es dazu keine Statistiken?“

      Welche Statistik sollte in der Lage sein, zu erfassen, ob die Gesundheitsausgaben in der PKV die Lebenserwartung anders beeinflussen als die Gesundheitsausgaben in der GKV? Mir fällt dazu nicht einmal ein geeignetes Studiendesign ein.

      „Denn man könnte annehmen, dass (gutsituierte) PKV-Versicherte sich mehr um ihre eigene Gesundheit kümmern (können) und dass man sich in unserer Gesundheitswirtschaft auch mehr und besser um sie kümmert, weil sie besser bezahlen können.“

      Das muss man nicht annehmen, das ist so. Lebenslage und Lebensstil der PKV-Versicherten sind auch relevant für die Lebenserwartung, aber die PKV-Ausgaben?

      „Außerdem gibt es auch im reichen Deutschland eine Menge Menschen, die gar nicht krankenversichert sind – z. B. Obdachlose, osteuropäische Erntehelfer/Saisonarbeiter, unangemeldete Arbeitskräfte in der Pflege.“

      Die Krankenversicherung von osteuropäischen Erntehelfern und Pflegekräften ist ein kompliziertes Thema, aber für die Lebenserwartung in Deutschland ist das irrelevant, weil dem Daten nach Wohnortprinzip zugrunde liegen, d.h. die Lebenserwartung dieser Gruppen wird in der Lebenserwartung ihrer Herkunftsländer abgebildet.

      Bei Obdachlosen beeinträchtigt in der Tat neben den Lebensumständen die mangelnde gesundheitliche Versorgung die Lebenserwartung. Gute Daten gibt es nicht. Schätzungen gehen von 10 bis 30 Jahren Einbußen an Lebenserwartung gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt aus. Aber wie viel davon fehlender medizinischer Versorgung zuzuschreiben ist und inwiefern das den internationalen Vergleich von Gesundheitsausgaben und Lebenserwartung beeinflusst?

  14. Beobachter

    “ … aber die PKV-Ausgaben?“

    Ich denke, dass die PKV-Ausgaben auch relevant sind für die (höhere) Lebenserwartung der PKV-Versicherten.

    Bsp.:

    Der Hausarzt eines (zum günstigsten Tarif) GKV-Versicherten stellt bei ihm eine schwere Herzerkrankung fest, überweist ihn aber NICHT zum niedergelassenen Kardiologen zur Weiterbehandlung, wg. DD, fachärztlicher Beratung, ambulanten Untersuchungen/Maßnahmen etc. – jahrelang nicht und trotz heftiger, einschränkender Beschwerden des Patienten und trotz stationärer Notfall-Aufenthalte im Krankenhaus.
    Eine Angehörige hat dann auf einer Überweisung zum Kardiologen bestanden.
    Dieser Patient ist mit 57 Jahren gestorben – medizinisch und pflegerisch unterversorgt.

    Einem PKV-Patienten wäre das m. E. nicht „passiert“.

    1. leben-und-geld

      @ Beobachter:

      „Ich denke, dass die PKV-Ausgaben auch relevant sind für die (höhere) Lebenserwartung der PKV-Versicherten.“

      Das dürfen Sie gerne denken, aber es käme darauf an, ob es so ist.

      „Bsp.:“

      Ein Beispiel ist nicht geeignet, eine bevölkerungsstatistische These zu belegen.

      „Der Hausarzt eines (zum günstigsten Tarif) GKV-Versicherten stellt bei ihm eine schwere Herzerkrankung fest, überweist ihn aber NICHT zum niedergelassenen Kardiologen“

      Das hört sich nach einem Behandlungsfehler an, aber hier ist nicht der Ort, das zu klären. Siehe dazu: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/patientenrechte/behandlungsfehler

      „Einem PKV-Patienten wäre das m. E. nicht „passiert“.“

      Warum nicht? Was soll die unterbliebene Überweisung mit dem Versichertenstatus zu tun haben?

      Zum Thema PKV versus GKV gibt es nebenan mehrere einschlägige Blogbeiträge. Die Diskussion über internationale Vergleiche zum Zusammenhang zwischen Gesundheitsausgaben und Lebenserwartung hat damit kaum etwas zu tun, schon weil es in Europa keine anderen Länder mit einem Nebeneinander von PKV und GKV als Vollversicherungssystemen gibt.

  15. Beobachter

    “ … „Einem PKV-Patienten wäre das m. E. nicht „passiert“.“

    Warum nicht? Was soll die unterbliebene Überweisung mit dem Versichertenstatus zu tun haben?
    … “

    Weil gutsituierte PKV-Versicherte i. d. R. auch besser informiert sind, die richtigen Fragen stellen (können) und sich beim Hausarzt nicht so abspeisen lassen würden.
    Und wie gesagt, weil sie i. d. R besser behandelt werden, weil sie besser bezahlen können, auch Zusatzleistungen und IGeL-Leistungen.

    Wer sich als GKV-Versicherter keine Zusatzversicherungen leisten kann, kann notwendige ärztliche, medizinische, pflegerische Leistungen gar nicht in Anspruch nehmen (z. B. Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt).
    Und wenn in Hausarztpraxen auch für GKV-Patienten notwendige Beratungs- und Aufklärungsgespräche besser abgerechnet werden könnten, würden sie auch häufiger stattfinden, was sehr hilfreich wäre.
    Von beidem kann sehr wohl die Lebenserwartung abhängen.

    Gesundheit ist vorwiegend eine Frage des Geldes.
    Im schlimmsten Fall müsste es heißen: „Geld oder Leben“.

    1. leben-und-geld

      @ Beobachter:

      „Weil gutsituierte PKV-Versicherte i. d. R. auch besser informiert sind, die richtigen Fragen stellen (können) und sich beim Hausarzt nicht so abspeisen lassen würden.“

      Das gilt für gutsituierte GKV-Versicherte genauso, d.h. das ist kein Effekt des Versicherungssystems, sondern ein Effekt des Sozial- bzw. Bildungsstatus der Versicherten.

      „Und wie gesagt, weil sie i. d. R besser behandelt werden, weil sie besser bezahlen können, auch Zusatzleistungen und IGeL-Leistungen.“

      Welche „Zusatzleistungen und IGeL-Leistungen“ wirken sich denn positiv auf die Lebenserwartung aus?

      „Wer sich als GKV-Versicherter keine Zusatzversicherungen leisten kann, kann notwendige ärztliche, medizinische, pflegerische Leistungen gar nicht in Anspruch nehmen (z. B. Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt).“

      Siehe dazu § 12 SGB V. Notwendige Ultraschallunterschungen, z.B. zur Krebsfrüherkennung oder in der Schwangerschaft, werden von der GKV übernommen. Welche medizinisch notwendige Ultraschalluntersuchung vermissen Sie denn konkret?

      „Und wenn in Hausarztpraxen auch für GKV-Patienten notwendige Beratungs- und Aufklärungsgespräche besser abgerechnet werden könnten, würden sie auch häufiger stattfinden, was sehr hilfreich wäre.“

      Dem ist so.

      „Von beidem kann sehr wohl die Lebenserwartung abhängen.“

      Das kann der Fall sein.

      „Gesundheit ist vorwiegend eine Frage des Geldes.“

      In gewisser Weise ja, aber in erster Linie nicht des Geldes im Gesundheitssystem, sondern des Geldes, das den Sozialstatus, damit die Lebenslage und den Lebensstil beeinflusst. Siehe auch oben im Blogbeitrag.

      Vor dem Hintergrund dessen, was Sie geschrieben haben: Meinen Sie, Lauterbachs These, wir würden im internationalen Vergleich zu viel Geld für zu wenig Lebenserwartung ausgeben, sei deswegen falsch, weil wir noch viel zu wenig Geld für medizinische Untersuchungen und Behandlungen ausgeben?

      1. Beobachter

        Deshalb habe ich geschrieben: in der Regel.
        In der PKV wird es hauptsächlich Gutsituierte/Reiche geben, und gutsituiert/reich ist man meist dann, wenn man einen hohen Sozial- und Bildungsstatus hat. Für Leute mit Geld und Bildung wird von der PKV mehr Geld ausgegeben – m. W. bis zum 2,5-Fachen der Vergütungen lt. GOÄ.
        In der GKV wird es hauptsächlich Normalverdiener, Geringverdiener und Arme geben, d. h. Leute mit niedrigerem Sozial- und Bildungsstatus und (erheblich) weniger Geld. Und für die muss die Grundversorgung (die immer schlechter wird) reichen.
        Dass es in DE eine „Zwei-Klassen-Medizin“ gibt, ist eine Tatsache, und der Begriff gehört schon lange zum allgemeinen, „normalen“ Sprachgebrauch.

        Sich positiv auf die Lebenserwartung auswirkende Zusatzleistungen können z. B. sein, ein Einzelzimmer im Krankenhaus oder in der Reha zu bekommen und sich nicht mit mehreren anderen Patienten ein Zimmer teilen zu müssen, und so seine Ruhe haben zu können.
        Oder als Elternteil bei seinem ernsthaft erkrankten kleinen Kind im Krankenhauszimmer übernachten zu dürfen.
        Oder die Ultraschall-Untersuchung zur Kontrolle des Wachstums von Myomen (man kann sie dabei genau ausmessen und auch deren sonstige möglichen, u. U. bösartige Veränderungen/Entartungen feststellen) – was seit ein paar Jahren bei der jährlichen Vorsorgeuntersuchung nicht mehr von der GKV bezahlt wird!
        Diese vermisse ich konkret, zumal schon einmal Tumor-Verdacht bestand und ich deshalb operiert werden musste.
        Vor allem vermisse ich schon seit einiger Zeit sorgfältige, regelrechte Anamneseerhebungen (wg. zu geringer Vergütung!).
        Es ließen sich dadurch viele Missverständnisse, falsche Diagnosen, unnötige oder gar schädliche Behandlungen und (teure) Operationen vermeiden.

        Bei IGeL-Leistungen wird viel Humbug getrieben, und der Arzt wird zum Verkäufer von Leistungen, die wenig bis nichts nützen, aber viel Geld einbringen.

        „Wir“ geben zu viel Geld an den falschen Stellen und zu wenig an den richtigen Stellen aus.
        Bei weniger Geld an den falschen Stellen und viel mehr Geld an den richtigen Stellen würde es auch mit der höheren Lebenserwartung klappen … ! (Vermutlich auch im internationalen Vergleich)

        1. leben-und-geld

          @ Beobachter:

          Ein bunter Strauß an Themen. Ich bin nicht Fachmann für alles und will mich daher dazu nicht weiter äußern. Aber falls Sie eine Studie kennen sollten, die zeigt, dass ein Einzelzimmer im Krankenhaus nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Lebenserwartung erhöht, würde mich das interessieren.

          1. Beobachter

            Niemand ist Fachmann/Fachfrau für alles, und man kann oft „nur“ von Missständen berichten, die einem auffallen und dann versuchen zu klären/recherchieren, welche Gründe dahinterstecken und wie man es ändern könnte.
            Es wird auch nicht für alles Studien geben, trotzdem können Fragestellungen wichtig und nützlich sein.

            Ein Einzelzimmer im Krankenhaus kann dann die Lebenserwartung erhöhen, wenn man als Schwerkranker dringend seine Ruhe braucht und die Möglichkeit hat, nachts durchzuschlafen (und nicht durch notwendige Maßnahmen bei anderen Mitpatienten im Zimmer auch nachts kein Auge zutun kann).
            Oder auch dann, wenn man schwerkrank und nachweislich sehr immungeschwächt ist, kaum noch Antibiotika wirken und so eine Infektion(sgefahr) durch Mitpatienten im Zimmer und deren Besucher vermieden werden kann.

            Als GKV-Patient muss/te man in den letzten Jahren oft froh sein, überhaupt ein Bett im Krankenhaus zu bekommen, auch im akuten Notfall.

            Ich finde es nach wie vor fragwürdig, von einer „durchschnittlichen“ Lebenserwartung in DE auszugehen (ungeachtete unserer Zwei-Klassen-Medizin) und von (durchschnittlichen) Gesundheitsausgaben pro Kopf, ohne zu bedenken, dass für arme Leute sicherlich nicht so viel Geld ausgegeben wird wie für wohlhabende/reiche.

            M. E. findet da auf dem Papier eine Nivellierung statt, die es in der praktischen Realität nicht gibt.

          2. leben-und-geld

            @ Beobachter:

            „Ein Einzelzimmer im Krankenhaus“

            Noch einmal: Das Einzelzimmer, ob es nun statistisch gesehen die Lebenserwartung beeinflusst oder nicht, ist kein Aspekt des Versicherungssystems. Es muss auch im Tarif der PKV gebucht sein. Das ist dasselbe, wie es in der GKV als Zusatzleistung extra zu versichern. Die medizinischen Leistungen im Krankenhaus unterscheiden sich nicht zwischen GKV und PKV, die DRGs sind für alle gleich. Beim Einzelzimmer hat man es also mit den Möglichkeiten zu tun, die sich aus der sozialen Lage ergeben. Dass die soziale Lage die Lebenserwartung stark beeinflusst, ist unstrittig.

            Wenn ein Einzelzimmer medizinsch zum Schutz vor Infektionen notwendig ist, wird es unabhängig von GKV/PKV als „Umkehrisolation“ angewandt.

            „Ich finde es nach wie vor fragwürdig, von einer „durchschnittlichen“ Lebenserwartung in DE auszugehen“

            Da haben Sie wiederum Recht. Wenn man europäische Länder nach Gesundheitsausgaben und Lebenserwartung vergleicht, ist davon auszugehen, dass die Unterschiede der Lebenserwartung zwischen den Ländern vor allem durch die soziale Lage bedingt sind. Genau das steht oben im Blogbeitrag.

            „ohne zu bedenken“

            Soziale Unterschiede in der Lebenserwartung werden in der Epidemiologie stets mitgedacht. Sie sind in den hier kritisierten Ländergleichen nicht mitgedacht. Ceterum censeo: Darum geht es im Blogbeitrag.

            „M. E. findet da auf dem Papier eine Nivellierung statt, die es in der praktischen Realität nicht gibt.“

            Das haben Mittelwerte so an sich. Ansonsten siehe oben.

  16. Beobachter

    “ … Wenn ein Einzelzimmer medizinsch zum Schutz vor Infektionen notwendig ist, wird es unabhängig von GKV/PKV als „Umkehrisolation“ angewandt. … “

    Das habe ich auch gedacht.
    Bis ich miterlebt habe, dass man zu einem nachweislich sehr immungeschwächten Schwerstkranken (in dessen Krankenhauszimmer man nur in Schutzkleidung durfte !) einen weiteren Schwerkranken (mit offenen, eitrigen Wunden !) gelegt hat.
    Und das war in keinem kleinen Provinzkrankenhaus, sondern in einer großen SRH-Klinik!

    In der Praxis sieht so Vieles ganz anders aus als auf dem Papier … !

    1. leben-und-geld

      @ Beobachter:

      Da sind wir aber wieder eher beim Thema Behandlungsfehler als beim Thema PKV/GKV.

      Ich bin ja bei Ihnen, was das Thema soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen angeht und auch bei der Kritik an den getrennten Versicherungssystemen, aber man damit lässt sich nicht in jedem Zusammenhang argumentieren.

      1. Beobachter

        In den letzten 25 Jahren bin ich zu der Meinung/Überzeugung gelangt, dass man in DE die höchste Lebenserwartung hat, wenn man Geld hat und möglichst wenig mit unserem Gesundheitswesen, das zur Gesundheitswirtschaft geworden ist, zu tun haben muss.
        (Beides kann man sich leider nicht aussuchen.)

        Etwa so, wie es auch Dr. med. Bernd Hontschik sieht: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“ – und das besonders dann, wenn man kein Geld hat.
        Seine Artikel in der FR sind immer eine Anregung dazu, sich weitergehend und tiefergehender mit den angesprochenen Themen zu beschäftigen.

        https://www.deutschlandfunkkultur.de/bernd-hontschik-erkranken-schadet-ihrer-gesundheit-fakten-100.html
        (lesenswert, 2019)

        „Fakten zum Heulen über das Gesundheitssystem
        … „

        1. leben-und-geld

          Dem ist nicht zu widersprechen. Besser reich und gesund als arm und krank.

          1. Beobachter

            “ … Besser reich und gesund als arm und krank.“

            Das ist eine alte Volksweisheit ( – aber die hat Bernd Hontschik nicht gemeint und ich auch nicht).

            Aber alles klar:
            Da dem so ist und es auch so bleiben wird, ist fundierte Kritik an unserer Gesundheitswirtschaft mit ihrer Zwei-Klassen-Medizin eigentlich überflüssig.
            Ein Systemwechsel wird eh nicht stattfinden.
            Man muss froh sein, wenn man überhaupt noch medizinisch versorgt wird.
            Bei eklatanten Missständen, die einen persönlich betreffen wie z. B. Behandlungsfehler, kann man sich wehren – vorausgesetzt, man ist gesundheitlich überhaupt dazu in der Lage, hat viel Zeit und gute Nerven und kann sich einen guten Fachanwalt leisten.
            Wenn sie einen nicht persönlich betreffen, kann man zum Freizeitvergnügen ein bisschen drüber diskutieren.

            (Der letzte Abschnitt ist zynisch gemeint.)

          2. leben-und-geld

            @ Beobachter:

            Sie empfehlen das Buch von Bernd Hontschik, demnach haben Sie es gelesen?

            Ihren Zynismus teile ich nicht. Wenn Sie in dem Punkt konsequent wären, würden Sie hier übrigens nicht kommentieren. Sie wollen doch hoffentlich damit irgendetwas erreichen und nicht nur ihre moralischen Qualitäten vorzeigen?

            Auch wenn man nicht gleich einen „Systemwechsel“ erreicht, was immer das praktisch bedeuten würde, lohnt es sich, sich bei konkreten Themen zu engagieren. (Sozial-)Politik ist ein dauerhafte Ringen mit konkurrierenden Interessen, nie eine revolutionäre Durchsetzung der eigenen Interessen, mögen sie noch so berechtigt sein.

  17. Beobachter

    Wenn die Fehler im System stecken, muss sich im System etwas ändern.
    Man muss in unserem Gesundheitssystem grundlegend umdenken – und es betrifft jeden, denn jeder wird mal krank und/oder alt.
    Es ist erstaunlich, dass diese Tatsache oft völlig ignoriert wird und so tun, als ob sie gegen beides gefeit seien.

    Wenn z. B. Pflegekräfte nur ein bisschen besser bezahlt werden, ändert das nichts an den schon lange bekannten Missständen – und das schadet den Patienten und den Beschäftigten.
    Der Organisationsgrad in der Pflege ist sehr gering, also ist auch gewerkschaftlich nicht viel zu machen.
    Im kirchlichen Arbeitsrecht bei kirchlichen Arbeitgebern gibt es nicht mal ein Streikrecht.

    Von den vielen häuslich Pflegenden will ich erst gar nicht anfangen, die haben gar keine Lobby.
    Wenn man das längere Zeit macht bzw. machen muss, ist es eine Rutschbahn in die Altersarmut, und es betrifft fast nur Frauen.

    Mit „moralische Qualitäten vorzeigen“ wollen haben meine Kommentare nichts zu tun, das liegt nicht in meiner Absicht.
    Bernd Hontschik schreibt seine Bücher und Artikel sicherlich auch nicht, um den „Moralapostel“ rauszuhängen.
    Was mich antreibt, sind meine langjährigen, oft ganz schlechten Erfahrungen mit unserem Gesundheitssystem und immer noch die Hoffnung, in kleinem Rahmen etwas bewegen zu können.

    Beim „dauerhaften Ringen mit konkurrierenden Interessen“, besonders in der Sozialpolitik, haben die, die keine starke, einflussreiche Lobby hinter sich haben, kaum eine Chance, überhaupt gehört/wahrgenommen zu werden – geschweige denn, Kämpfe zu gewinnen.
    Ich habe etliche schon verloren, trotz größtem persönlichen Einsatz.

    Vielleicht wäre es besser, aufzugeben, auch hier mit meinen Kommentaren.
    Gleichgültig sein, wegsehen, den Mund nicht mehr aufmachen – nur noch dem eigenen Vorteil leben … !?

  18. Beobachter

    Berichtigung:

    Es müsste oben heißen:

    … und VIELE LEUTE so tun, als ob sie gegen beides gefeit seien. …

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